Braunschweig Infanterie-Degen altes Modell für Offiziere und Reserveoffiziere im I. oder II. Bataillon des Infanterie-Regiment Nr. 92
Gesamtlänge 1005 mm.
Das Braunschweiger Infanterie-Offiziersdegen repräsentiert ein faszinierendes Kapitel der deutschen Militärgeschichte im frühen 20. Jahrhundert, insbesondere die eigenständige militärische Tradition des Herzogtums Braunschweig. Dieses exemplarische Stück stammt aus der Zeit um 1910 und war für Offiziere und Reserveoffiziere des Infanterie-Regiments Nr. 92 bestimmt, einer bedeutenden Formation innerhalb des braunschweigischen Kontingents der kaiserlichen Armee.
Das Herzogtum Braunschweig behielt auch nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 eine gewisse militärische Autonomie. Als eines der kleineren deutschen Bundesstaaten unterhielt Braunschweig eigene Truppenkontingente, die zwar dem preußischen Armeekorps unterstellt waren, jedoch ihre eigenen Traditionen, Uniformen und Ausrüstungsgegenstände pflegten. Das Infanterie-Regiment Nr. 92 war die Hauptinfanterieformation des Herzogtums und trug offiziell die Bezeichnung "Herzoglich Braunschweigisches Infanterie-Regiment Nr. 92".
Die Klinge dieses Degens zeigt charakteristische Merkmale der deutschen Blankwaffenproduktion jener Epoche. Die doppelt gekehlte Bauweise diente nicht nur ästhetischen Zwecken, sondern reduzierte auch das Gewicht der Waffe, ohne ihre strukturelle Integrität zu beeinträchtigen. Die geätzten Panele auf beiden Seiten der Klinge waren typisch für Offiziersdegen dieser Zeit und dienten der Identifikation und Repräsentation.
Besonders bedeutsam sind die heraldischen Symbole auf der Klinge. Das Monogramm "Krone über W" verweist auf Herzog Wilhelm, der von 1831 bis 1884 regierte, und später auf seinen Nachfolger. Das braunschweigische Wappen, das traditionell ein springendes Pferd (das berühmte Sachsenross) zeigt, unterstreicht die regionale Identität und Loyalität der Truppe. Diese Symbole waren nicht nur dekorative Elemente, sondern manifestierten die Bindung des Offiziers an seinen Landesherrn und sein Regiment.
Das Stahlgefäß mit dem durchbrochen gearbeiteten Herrschermonogramm zeigt die hohe handwerkliche Qualität der deutschen Waffenschmiede. Die Durchbrucharbeit erforderte erhebliches technisches Können und machte jeden Degen zu einem individuellen Kunstwerk. Der ursprüngliche Rochenhautgriff (Haifischleder) bot eine rutschfeste Oberfläche, die durch Silberdrahtwicklung zusätzlich verstärkt wurde – ein Standard bei höherwertigen Offiziersdegen.
Die militärischen Regulationen des Deutschen Kaiserreichs schrieben für verschiedene Truppenteile und Dienstgrade spezifische Waffentypen vor. Das "alte Modell" in der Beschreibung deutet darauf hin, dass es sich um ein traditionelles Design handelt, das möglicherweise noch auf Vorschriften aus dem 19. Jahrhundert zurückgeht. Offiziere im I. und II. Bataillon trugen diese Waffe als Teil ihrer Dienstuniform, sowohl bei zeremoniellen Anlässen als auch im Feld.
Die beiliegende Stahlscheide mit ihren zwei Ringbändern entspricht ebenfalls dem militärischen Standard der Zeit. Der Stempel "13. U. 1. 136" ist wahrscheinlich eine Inventar- oder Vergabenummer, die typisch für die präzise Verwaltung militärischer Ausrüstung im deutschen Heer war. Solche Markierungen ermöglichten die Nachverfolgung und Zuordnung von Ausrüstungsgegenständen.
Das Infanterie-Regiment Nr. 92 hatte seinen Standort in Braunschweig und bestand aus mehreren Bataillonen. Die Offiziere dieser Einheit stammten sowohl aus dem aktiven Dienst als auch aus der Reserve, wobei Reserveoffiziere oft aus dem gebildeten Bürgertum kamen und nach ihrer aktiven Dienstzeit eine wichtige Verbindung zwischen Militär und Zivilgesellschaft darstellten.
Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 mobilisierte das Regiment und kämpfte an verschiedenen Fronten. Die traditionellen Blankwaffen wie dieser Degen verloren in der modernen Kriegsführung zwar ihre praktische Bedeutung, behielten jedoch ihren symbolischen Wert als Zeichen von Rang und Ehre. Nach dem Ende der Monarchie 1918 und der Auflösung der alten Armee verloren auch diese Waffen ihre offizielle Funktion.
Heute sind solche Braunschweiger Offiziersdegen begehrte Sammlerstücke, die nicht nur militärhistorischen Wert besitzen, sondern auch Zeugnisse deutscher Handwerkskunst und regionaler Identität darstellen. Sie dokumentieren eine Epoche, in der militärische Tradition, handwerkliche Exzellenz und symbolische Repräsentation untrennbar miteinander verbunden waren. Die Erhaltung solcher Objekte trägt zum Verständnis der komplexen militärischen Strukturen des Deutschen Kaiserreichs bei und illustriert die Vielfalt der regionalen Traditionen innerhalb der kaiserlichen Armee.