Das vorliegende Werk “Die Mittelmächte und der Erste Weltkrieg” von Hans-Hubertus Mack und Dr. M. Christian Ortner stellt einen bedeutenden Beitrag zur modernen Weltkriegsforschung dar. Das Buch basiert auf den Vorträgen eines internationalen Symposiums, das im Juni 2014 in Wien stattfand und renommierte Militärhistoriker aus verschiedenen Ländern zusammenführte. Die Publikation erschien im Verlag Militaria, einem auf militärhistorische Fachliteratur spezialisierten Verlagshaus.
Die Mittelmächte waren die im Ersten Weltkrieg gegen die Entente-Mächte kämpfende Koalition, bestehend hauptsächlich aus dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn, dem Osmanischen Reich und Bulgarien. Der Begriff leitet sich von der geografischen Lage dieser Staaten in Mitteleuropa und im östlichen Mittelmeerraum ab. Die Allianz entstand aus den Bündnissystemen des späten 19. Jahrhunderts, insbesondere dem Zweibund von 1879 zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn sowie dem Dreibund von 1882, der Italien einschloss, das jedoch 1915 die Seiten wechselte.
Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Mittelmächten hat in den letzten Jahrzehnten erhebliche Veränderungen erfahren. Während die Forschung nach 1918 stark von den Bestimmungen des Versailler Vertrags und der Kriegsschuldfrage geprägt war, ermöglichte die Öffnung von Archiven und die zeitliche Distanz seit den 1960er Jahren differenziertere Betrachtungen. Das Symposium von 2014, auf dem dieses Werk basiert, fand im Kontext des 100. Jahrestages des Kriegsausbruchs statt, als weltweit eine intensive Neubewertung des Ersten Weltkriegs einsetzte.
Die militärische Planung der Mittelmächte wird in diesem Band kritisch untersucht. Besonders der deutsche Schlieffen-Plan, der einen schnellen Sieg im Westen vorsah, und die österreichisch-ungarischen Operationen gegen Serbien und Russland werden analysiert. Die Autoren zeigen auf, wie strategische Fehleinschätzungen, mangelhafte Koordination zwischen den Bündnispartnern und die Unterschätzung der gegnerischen Ressourcen zum Scheitern der Mittelmächte beitrugen. Die Schlacht bei Tannenberg (1914), die Isonzo-Schlachten (1915-1917) und die Schlacht von Verdun (1916) werden als Wendepunkte diskutiert.
Ein zentraler Aspekt des Werkes ist die Untersuchung der wirtschaftlichen und quantitativen Schwächen der Mittelmächte. Die britische Seeblockade ab 1914 führte zu verheerenden Versorgungsengpässen in Deutschland und Österreich-Ungarn. Die industrielle Produktion konnte mit der der Entente-Mächte, insbesondere nach dem Kriegseintritt der USA 1917, nicht mehr mithalten. Die Hindenburg-Programm genannte Kriegswirtschaftsplanung von 1916 kam zu spät und konnte die strukturellen Defizite nicht mehr ausgleichen.
Die Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung werden im Band umfassend behandelt. Der “Steckrübenwinter” 1916/17 in Deutschland, die Hungersnöte in Österreich-Ungarn und die Deportationen im Osmanischen Reich verdeutlichen das Ausmaß des totalen Krieges. Die Publikation untersucht auch die unterschiedlichen Propagandastrategien der Mittelmächte, von den deutschen Kriegsanleihen-Kampagnen bis zur österreichisch-ungarischen Vielsprachenpropaganda in einem multinationalen Reich.
Das Heeresgeschichtliche Museum in Wien, an dem Dr. Christian Ortner tätig ist, beherbergt eine der bedeutendsten Sammlungen zur Geschichte der Mittelmächte. Das Museum wurde bereits 1869 eröffnet und dokumentiert die österreichisch-ungarische Militärgeschichte umfassend. Die Forschungsarbeiten dieser Institution haben wesentlich zum Verständnis der Mittelmächte beigetragen.
Die Publikation ordnet sich in eine umfangreiche Forschungstradition ein. Werke wie Fritz Fischers “Griff nach der Weltmacht” (1961) oder Christopher Clarks “Die Schlafwandler” (2012) haben die Debatte über die Verantwortung und das Handeln der Mittelmächte geprägt. Der vorliegende Band aktualisiert diese Diskurse und integriert neuere Forschungsergebnisse aus internationaler Perspektive.
Die multidisziplinäre Herangehensweise des Symposiums spiegelt sich in der Vielfalt der behandelten Themen wider: Von militärstrategischen Analysen über sozialgeschichtliche Untersuchungen bis hin zu kulturhistorischen Betrachtungen der Kriegserfahrung. Dies entspricht dem modernen Ansatz der Weltkriegsforschung, der den Ersten Weltkrieg als umfassendes gesellschaftliches Phänomen versteht, das alle Lebensbereiche erfasste und die Grundlagen der modernen Welt schuf.