III. Reich - Reichszentrale Landaufenthalt für Stadtkinder e.V. Berlin - Datenkarte für ein Mädel des Jahrgangs 1925 aus Wien
Die vorliegende Sammlung von Dokumenten aus der Zeit des Dritten Reiches und der unmittelbaren Nachkriegszeit gewährt einen eindringlichen Einblick in das Leben einer jungen Frau, die zwischen 1938 und 1946 verschiedene Phasen der deutschen Geschichte durchlebte. Im Zentrum steht eine Datenkarte der Reichszentrale Landaufenthalt für Stadtkinder e.V. Berlin, ausgestellt am 20. Juni 1938 für ein Mädchen des Jahrgangs 1925 aus Wien.
Die Reichszentrale Landaufenthalt für Stadtkinder war eine nationalsozialistische Organisation, die nach der Machtübernahme 1933 als Teil der umfassenden Gleichschaltungspolitik etabliert wurde. Ihr erklärtes Ziel war es, Kinder aus städtischen Gebieten für begrenzte Zeiträume auf dem Land unterzubringen. Diese Maßnahme wurde offiziell mit gesundheitlichen Erwägungen begründet – Stadtkinder sollten die “gesunde Landluft” genießen und gestärkt werden. Tatsächlich diente das Programm jedoch auch der ideologischen Erziehung im Sinne der nationalsozialistischen Blut-und-Boden-Ideologie.
Die Ausstellung der Karte am 20. Juni 1938 fällt in eine bedeutsame historische Periode. Nur drei Monate zuvor, am 12. März 1938, hatte der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich stattgefunden. Die Tatsache, dass das Mädchen aus Wien stammte, zeigt, wie schnell die nationalsozialistischen Organisationsstrukturen auf das neu eingeglieder te Gebiet ausgedehnt wurden. Innerhalb weniger Monate nach dem Anschluss wurden österreichische Kinder bereits in reichsweite Programme integriert.
Der Vermerk “Diese Karte ist sichtbar zu tragen!” ist charakteristisch für die bürokratische Kontrollmentalität des NS-Regimes. Solche Ausweisdokumente dienten nicht nur der Organisation, sondern auch der permanenten Überwachung und Kategorisierung der Bevölkerung. Das sichtbare Tragen von Ausweisen ermöglichte es Behörden und Funktionären, jederzeit die Berechtigung und Zugehörigkeit von Personen zu überprüfen.
Das beigefügte Arbeitsbuch vom 22. März 1941 dokumentiert einen weiteren wichtigen Aspekt des Lebens im Dritten Reich. Arbeitsbücher wurden 1935 eingeführt und waren für alle Arbeitnehmer verpflichtend. Sie enthielten detaillierte Angaben über die berufliche Laufbahn, Arbeitgeber, Löhne und Qualifikationen. Das Arbeitsbuch diente mehreren Zwecken: Es ermöglichte die Kontrolle der Arbeitskräfte, verhinderte “Arbeitsflucht” und dokumentierte die “arische Abstammung”. Ab 1939, mit Kriegsbeginn, wurde die Arbeitslenkung zunehmend restriktiver, und das Arbeitsbuch wurde zum unverzichtbaren Instrument der Kriegswirtschaft.
Im März 1941, dem Ausstellungsdatum des vorliegenden Arbeitsbuches, befand sich Deutschland mitten im Zweiten Weltkrieg. Die junge Frau, Jahrgang 1925, war zu diesem Zeitpunkt etwa 16 Jahre alt und trat offenbar in das Arbeitsleben ein. Für Jugendliche und insbesondere junge Frauen bedeutete dies häufig eine Tätigkeit in der Rüstungsindustrie, im Dienstverpflichtungssystem oder im Reichsarbeitsdienst, der ab 1939 für alle jungen Frauen verpflichtend war.
Der dritte Bestandteil der Sammlung, ein Beschäftigungsausweis vom 27. Mai 1946, führt uns in die unmittelbare Nachkriegszeit. Österreich war zu diesem Zeitpunkt von den Alliierten besetzt und in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Wien selbst war, ähnlich wie Berlin, in vier Sektoren geteilt. Die wirtschaftliche Lage war katastrophal: Zerstörte Infrastruktur, Lebensmittelknappheit und Millionen von Vertriebenen und Flüchtlingen prägten das Bild.
Beschäftigungsausweise in der Nachkriegszeit dienten mehreren Zwecken. Sie waren notwendig für die Zuteilung von Lebensmittelkarten, dokumentierten die offizielle Beschäftigung und waren Teil des Entnazifizierungsprozesses. Die Alliierten versuchten, durch strenge Kontrollen sicherzustellen, dass ehemalige Nationalsozialisten nicht in wichtige Positionen zurückkehrten. Ein gültiger Beschäftigungsausweis war oft Voraussetzung für das Überleben in der Nachkriegszeit.
Diese drei Dokumente zusammen erzählen die Geschichte einer jungen österreichischen Frau, die als 13-Jährige den Anschluss erlebte, als Jugendliche im Kriegsdeutschland arbeitete und schließlich im besetzten Nachkriegsösterreich ihr Leben neu aufbauen musste. Sie repräsentieren exemplarisch das Schicksal einer ganzen Generation, die ihre gesamte Jugend unter nationalsozialistischer Herrschaft verbrachte und als junge Erwachsene mit den Folgen der Katastrophe konfrontiert wurde.
Für Sammler und Historiker sind solche Dokumentenensembles von besonderem Wert, da sie nicht nur einzelne Momentaufnahmen liefern, sondern eine biografische Kontinuität über einen entscheidenden historischen Zeitraum hinweg dokumentieren. Sie illustrieren die bürokratische Durchdringung des Alltags im Nationalsozialismus und den Übergang in die Nachkriegsordnung.