Reichsbund Deutscher Amateur-Fotografen ( RDAF ) - Mitgliedsabzeichen
Reichsbund Deutscher Amateur-Fotografen (RDAF) - Mitgliedsabzeichen
Das vorliegende Mitgliedsabzeichen des Reichsbundes Deutscher Amateur-Fotografen (RDAF) stellt ein faszinierendes Zeugnis der gleichgeschalteten Zivilgesellschaft im nationalsozialistischen Deutschland dar. Hergestellt von der renommierten Münchner Firma Deschler & Sohn, repräsentiert dieses Abzeichen die systematische Organisation und Kontrolle auch scheinbar unpolitischer Freizeitaktivitäten während des Dritten Reiches.
Der Reichsbund Deutscher Amateur-Fotografen wurde im Zuge der nationalsozialistischen Gleichschaltungspolitik gegründet, die zwischen 1933 und 1934 nahezu alle gesellschaftlichen Organisationen erfasste. Die Amateurfotografie, die sich seit den 1920er Jahren zunehmender Beliebtheit erfreute, wurde nicht als harmlose Freizeitbeschäftigung betrachtet, sondern als wichtiges Medium, das der ideologischen Kontrolle und Lenkung bedurfte. Der RDAF diente dazu, Amateur-Fotografen in einer zentralisierten Organisation zusammenzufassen und ihre Tätigkeit im Sinne der nationalsozialistischen Weltanschauung zu kanalisieren.
Die Herstellerfirma Deschler & Sohn München gehörte zu den bedeutendsten Produzenten von Orden, Ehrenzeichen und Abzeichen im Dritten Reich. Das 1864 gegründete Unternehmen hatte sich bereits in der Kaiserzeit und der Weimarer Republik einen ausgezeichneten Ruf erworben. Nach 1933 wurde die Firma zu einem der Hauptlieferanten für nationalsozialistische Auszeichnungen und Abzeichen. Die Kennzeichnung “Deschler u.S. München 9” verweist auf den Standort in der Theatinerstraße im Münchner Stadtbezirk 9, dem traditionellen Zentrum der Goldschmiedekunst.
Das Mitgliedsabzeichen wurde an einer langen Nadel getragen, was typisch für zivile Organisationsabzeichen dieser Epoche war. Die Nadelkonstruktion ermöglichte das Tragen an der Zivilkleidung, insbesondere am Revers oder an der Brust. Solche Abzeichen dienten mehreren Zwecken: Sie demonstrierten die Zugehörigkeit zur organisierten “Volksgemeinschaft”, schufen ein Gefühl der Gemeinschaft unter Gleichgesinnten und ermöglichten gleichzeitig eine soziale Kontrolle, da die Mitgliedschaft sichtbar gemacht wurde.
Die Amateurfotografie hatte in Deutschland eine lange Tradition. Bereits seit der Jahrhundertwende hatten sich zahlreiche Fotoklubs und Amateurvereinigungen gebildet. Mit der Einführung erschwinglicher Kameras, insbesondere durch Firmen wie Leica und Zeiss Ikon in den 1920er und 1930er Jahren, erlebte die Amateurfotografie einen enormen Aufschwung. Die Nationalsozialisten erkannten das propagandistische Potenzial dieser Entwicklung und integrierten die Amateur-Fotografen in ihre Organisationsstruktur.
Der RDAF war Teil des größeren Systems der NS-Kulturgemeinde und später der NS-Gemeinschaft “Kraft durch Freude” (KdF), die die Freizeitgestaltung der deutschen Bevölkerung organisierte und kontrollierte. Mitglieder des RDAF wurden ermutigt, Themen zu fotografieren, die der nationalsozialistischen Ideologie entsprachen: deutsche Landschaften, “Volkstypen”, Arbeit und Gemeinschaft, sowie Veranstaltungen der NSDAP und ihrer Untergliederungen.
Die Organisation veranstaltete regelmäßig Fotowettbewerbe, Ausstellungen und Schulungen. Fachzeitschriften wie die “Deutsche Lichtbild” dienten als Publikationsorgane und vermittelten sowohl technisches Wissen als auch ideologische Vorgaben. Die ästhetischen Präferenzen wurden durch die nationalsozialistische Kunstdoktrin geprägt, die eine realistische, “volksnahe” Darstellung forderte und modernistische oder experimentelle Ansätze als “entartet” ablehnte.
Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 unterlag die Amateurfotografie zunehmenden Beschränkungen. Aus Gründen der militärischen Sicherheit wurden Fotografierverbote für strategisch wichtige Objekte wie Brücken, Bahnhöfe und Industrieanlagen erlassen. Filmmaterial wurde rationiert, und die Aktivitäten des RDAF konzentrierten sich verstärkt auf die Dokumentation der “Heimatfront” und propagandistische Zwecke.
Nach 1945 wurde der RDAF als nationalsozialistische Organisation aufgelöst. Viele seiner ehemaligen Mitglieder schlossen sich in der Nachkriegszeit neuen, demokratisch organisierten Fotoklubs und -vereinigungen an. Die Tradition der organisierten Amateurfotografie lebte fort, nun jedoch ohne ideologische Vereinnahmung.
Heute sind Mitgliedsabzeichen wie das vorliegende wichtige Sammlerstücke und historische Dokumente, die an die umfassende Durchdringung des Alltagslebens durch das nationalsozialistische Regime erinnern. Sie illustrieren, wie selbst unpolitische Hobbys und Freizeitbeschäftigungen in den Dienst der Diktatur gestellt wurden und Teil des Systems der sozialen Kontrolle und ideologischen Indoktrination waren.