Lineol - Heer 2 Pistonbläser marschierend
Die beiden Lineol-Heerfiguren mit marschierenden Pistonbläsern repräsentieren ein faszinierendes Kapitel der deutschen Spielzeuggeschichte und militärischen Repräsentation der 1930er und 1940er Jahre. Mit einer Höhe von 6,5 cm gehören diese Figuren zur mittleren Größenklasse der Lineol-Produktion und zeigen Militärmusiker der deutschen Wehrmacht in charakteristischer Marschhaltung.
Die Firma Lineol wurde 1906 von Oskar Wiederholt in Brandenburg an der Havel gegründet und entwickelte sich zu einem der führenden deutschen Hersteller von Massefiguren. Der Firmenname setzte sich aus “Linie” und “Elastolin” zusammen, wobei letzteres auf das verwendete Material hinwies – eine Masse aus Kasein, Kreide, Leim und anderen Füllstoffen. Im Gegensatz zu den hohlen Elastolin-Figuren waren Lineol-Figuren oft massiver gefertigt.
Die Militärmusik spielte in der deutschen Armee eine zentrale Rolle, die weit über reine Unterhaltung hinausging. Das Piston, auch als Kornett bekannt, war ein wichtiges Blechblasinstrument in den Militärkapellen des Heeres. Diese Instrumente wurden nach der Heeresdienstvorschrift H.Dv. 470 eingesetzt, die die musikalische Ausbildung und den Einsatz von Militärmusikern regelte. Jedes Regiment verfügte über einen Musikzug, der bei Paraden, Aufmärschen und offiziellen Anlässen zum Einsatz kam.
Die Produktion solcher Spielzeugfiguren erfüllte in der Zeit des Nationalsozialismus mehrere Funktionen. Einerseits dienten sie der spielerischen Militarisierung der Jugend, andererseits waren sie beliebte Sammelobjekte. Lineol produzierte eine breite Palette von Heersfiguren, darunter marschierende Soldaten, Reiter, Geschützbedienungen und eben auch Militärmusiker. Die Detailtreue der Uniformen und Instrumente war bemerkenswert und orientierte sich an den tatsächlichen Uniformvorschriften der Wehrmacht.
Die Uniformierung der dargestellten Pistonbläser folgte den Richtlinien für Heeresmusiker. Diese trugen grundsätzlich die gleiche feldgraue Uniform wie andere Mannschaften, jedoch oft mit besonderen Abzeichen, die ihre Zugehörigkeit zum Musikkorps kennzeichneten. Die charakteristische Marschhaltung mit erhobenem Instrument war typisch für Aufmärsche und Paraden und wurde von Lineol detailgetreu umgesetzt.
Die Fertigungstechnik von Lineol war für ihre Zeit hochentwickelt. Die Figuren wurden in mehrteiligen Formen gegossen, wobei Kopf, Körper und oft auch Arme separat gefertigt und dann zusammengesetzt wurden. Nach dem Gießen erfolgte die Bemalung in Handarbeit, wobei verschiedene Qualitätsstufen existierten. Der angegebene Zustand 2/2- weist auf sehr gut erhaltene Figuren hin mit nur minimalen Gebrauchsspuren, was bei Objekten aus den 1930er/40er Jahren bemerkenswert ist.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Produktion militärischer Spielzeugfiguren zunächst von den Alliierten untersagt. Lineol stellte in der Nachkriegszeit auf zivile Figuren um, konnte aber nie wieder an die frühere Bedeutung anknüpfen. Die Firma wurde schließlich in den 1950er Jahren aufgelöst.
Heute sind Lineol-Militärfiguren begehrte Sammlerobjekte, die nicht nur spielzeughistorisch, sondern auch als zeitgeschichtliche Dokumente von Interesse sind. Sie dokumentieren die Ästhetik und Ikonographie militärischer Repräsentation in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Musiker-Figuren sind dabei seltener als einfache Infanteristen und daher besonders gesucht. Der Erhaltungszustand ist bei der Bewertung entscheidend, da die Massefiguren empfindlich gegenüber Feuchtigkeit und mechanischer Beanspruchung waren.
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit solchen Objekten ermöglicht Einblicke in die materielle Kultur, Propagandamechanismen und die Rolle des Spielzeugs in der Gesellschaft der NS-Zeit. Gleichzeitig sind sie Zeugnisse handwerklicher Fertigkeit und künstlerischer Gestaltung im Bereich der Miniaturplastik.