NS.- Gemeinschaft " Kraft durch Freude " ( K.d.F.) - 1. Kurhessischer NS-Volks-Flugtag Kassel 21.7.1935 " Das deutsche Volk muss ein Volk von Fliegern werden "
Das vorliegende Abzeichen dokumentiert einen bedeutenden Aspekt der nationalsozialistischen Propaganda und der Luftfahrtbegeisterung im Deutschland der 1930er Jahre. Es handelt sich um ein silbernes Eisenblechabzeichen des 1. Kurhessischen NS-Volks-Flugtages, der am 21. Juli 1935 in Kassel stattfand. Das Abzeichen trägt die programmatische Inschrift “Das deutsche Volk muss ein Volk von Fliegern werden”, ein Zitat, das die luftfahrtpolitischen Ambitionen des NS-Regimes unmissverbar zum Ausdruck brachte.
Die NS-Gemeinschaft “Kraft durch Freude” (KdF) wurde im November 1933 als Unterorganisation der Deutschen Arbeitsfront (DAF) gegründet. Unter der Leitung von Robert Ley und später Bodo Lafferentz entwickelte sich KdF zur größten Freizeitorganisation des Dritten Reiches. Das Hauptziel bestand darin, die Freizeit der deutschen Arbeiterschaft zu organisieren und gleichzeitig ideologisch zu durchdringen. Durch scheinbar unpolitische Freizeitangebote wie Reisen, Sport, Kulturveranstaltungen und eben auch Flugtage sollte die Bevölkerung an das Regime gebunden werden.
Die Volksflug-Bewegung hatte im Nationalsozialismus eine besondere Bedeutung. Nach dem Versailler Vertrag von 1919 war Deutschland der Bau von Militärflugzeugen untersagt worden. Das NS-Regime nutzte jedoch die zivile Luftfahrt als Deckmantel für die Vorbereitung einer künftigen Luftwaffe. Der Deutsche Luftsportverband (DLV), gegründet 1933, diente als paramilitärische Organisation zur fliegerischen Ausbildung. Bereits 1935, im Jahr der offiziellen Gründung der Luftwaffe unter Hermann Göring, hatte diese Strategie ihre militärische Dimension offenbart.
Die sogenannten Volksflug-Tage waren Massenveranstaltungen, die in ganz Deutschland durchgeführt wurden. Sie dienten mehreren Zwecken: Erstens sollten sie die Begeisterung der Bevölkerung für die Luftfahrt wecken und junge Männer für die fliegerische Ausbildung gewinnen. Zweitens boten sie eine Plattform für die Demonstration technischer Errungenschaften und nationaler Stärke. Drittens ermöglichten sie die Verbreitung der NS-Ideologie in einem scheinbar unpolitischen, festlichen Rahmen.
Der 1. Kurhessische Volks-Flugtag in Kassel am 21. Juli 1935 fand in einem entscheidenden Jahr statt. Nur wenige Monate zuvor, am 16. März 1935, hatte Hitler die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht verkündet und damit offen gegen die Bestimmungen des Versailler Vertrages verstoßen. Die offizielle Gründung der Luftwaffe war ein zentraler Bestandteil dieser Aufrüstungspolitik. Volksflug-Veranstaltungen wie die in Kassel dienten der propagandistischen Begleitung dieser militärischen Entwicklung.
Das Motto “Das deutsche Volk muss ein Volk von Fliegern werden” spiegelte die Vision einer vollständigen Militarisierung der Gesellschaft wider. Es ging nicht nur um die Ausbildung professioneller Piloten, sondern um die Schaffung einer “fliegenden Volksgemeinschaft”, in der breite Bevölkerungsschichten mit der Luftfahrt vertraut gemacht wurden. Diese Demokratisierung der Fliegerei war jedoch nur oberflächlich; im Kern diente sie militärischen und ideologischen Zielen.
Abzeichen wie das vorliegende waren wichtige Elemente der NS-Erinnerungskultur. Sie wurden bei solchen Veranstaltungen verkauft oder verteilt und dienten als Teilnahmebestätigung und Souvenir. Gleichzeitig fungierten sie als sichtbare Zeichen der Verbundenheit mit den Zielen des Regimes. Das Material – Eisenblech – war kostengünstig und ermöglichte eine Massenproduktion. Die silberne Färbung verlieh dem ansonsten einfachen Objekt eine gewisse Wertigkeit.
Die Herstellung solcher Abzeichen erfolgte durch zahlreiche kleine und mittlere Betriebe im gesamten Deutschen Reich. Sie waren nicht offiziell standardisiert, was zu einer großen Vielfalt in Design und Ausführung führte. Dies macht jedes dieser Abzeichen zu einem individuellen zeithistorischen Dokument, das Aufschluss über regionale Besonderheiten, Produktionstechniken und propagandistische Schwerpunkte gibt.
Aus heutiger Sicht sind solche Objekte wichtige Quellen für die Erforschung der NS-Propaganda und der Alltagsgeschichte des Dritten Reiches. Sie dokumentieren, wie das Regime versuchte, alle Lebensbereiche zu durchdringen und selbst scheinbar harmlose Freizeitaktivitäten für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Die Verbindung von KdF-Organisation, Luftfahrtbegeisterung und militärischer Vorbereitung zeigt exemplarisch die totalitären Ambitionen des Nationalsozialismus.