Das vierbändige Referenzwerk "Österreichs Generäle 1919-1955" von Frech, Pichler, Steiner und Vlachos stellt ein monumentales Projekt der österreichischen Militärgeschichtsschreibung dar. Mit einem Gesamtumfang von mehr als 2.500 Seiten und über 300 Porträtfotos dokumentiert dieses Werk die Biografien von 1.172 österreichischen Generälen aus einer der turbulentesten Epochen der österreichischen Geschichte – von der Gründung der Ersten Republik 1918/19 bis zum Staatsvertrag 1955.
Diese Zeitspanne umfasst mehrere dramatische Brüche in der österreichischen Geschichte: den Zusammenbruch der Habsburgermonarchie, die Etablierung der Ersten Republik, die Ära des Austrofaschismus unter Dollfuß und Schuschnigg, den "Anschluss" 1938, die NS-Zeit, den Zweiten Weltkrieg und schließlich die Wiederherstellung der österreichischen Souveränität 1955. Jede dieser Phasen hatte tiefgreifende Auswirkungen auf die militärische Elite des Landes.
Das Werk ist in besonderer Weise strukturiert: Drei Bände widmen sich den detaillierten Biografien, während ein vierter Begleit- und Kommentarband den historischen Kontext erschließt. Die Biografien erfassen nicht nur die militärischen Laufbahnen, sondern auch die familiären Verhältnisse, Ausbildungsgänge und die in Frieden und Krieg erworbenen Auszeichnungen. Dabei werden nicht nur Truppenoffiziere und Generalstabsoffiziere berücksichtigt, sondern auch Militärärzte, Intendanten, Ingenieuroffiziere und andere Offiziere der Sonderdienste sowie Generäle von Polizei und Gendarmerie.
Von besonderer wissenschaftlicher Bedeutung sind die statistischen Auswertungen, die das Werk enthält. Diese analysieren das Religionsbekenntnis, die Abstammung, die soziale Herkunft und die Aufstiegschancen in den jeweiligen Laufbahnen. Solche prosopografischen Untersuchungen ermöglichen es, Muster und Strukturen innerhalb der militärischen Elite zu erkennen und die Frage nach Kontinuitäten und Brüchen in der österreichischen Offizierskorps-Kultur zu beantworten.
Ein besonders wichtiger Aspekt des Werkes ist die Dokumentation der Schicksale jener Generäle, die zwischen 1938 und 1945 politischer oder rassischer Verfolgung ausgesetzt waren. Nach dem "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland wurden zahlreiche österreichische Offiziere aus politischen oder "rassischen" Gründen verfolgt, degradiert oder in den Ruhestand versetzt. Jüdische Offiziere und Offiziere mit jüdischer Abstammung waren besonders betroffen, ebenso wie politisch unzuverlässig erscheinende Personen. Das Werk beleuchtet auch die Rehabilitierungen der politisch gemaßregelten Offiziere nach 1945 in der Zweiten Republik.
Der umfangreiche Dokumententeil bringt Aktenmaterial ans Licht, das in diesem Umfang bisher nicht veröffentlicht wurde. Dazu gehört die Mitgliederliste des "Nationalsozialistischen Soldatenringes (NSR)", einer Organisation, die bereits vor 1938 nationalsozialistische Offiziere im österreichischen Bundesheer vereinte. Auch die Protokolle der Muff-Kommission werden dokumentiert – eine Institution, die im Kontext der deutsch-österreichischen Militärbeziehungen vor 1938 eine bedeutende Rolle spielte.
Besonders brisant sind die geheimen Aufzeichnungen des Oberleutnants Dr. Josef Eckinger, die politisch belastendes Material über Offiziere des Bundesheeres enthalten. Solche Dokumente werfen ein Licht auf die politischen Spannungen innerhalb des österreichischen Militärs in der Zwischenkriegszeit, als sich austrofaschistische, nationalsozialistische, sozialdemokratische und legitimistische Strömungen gegenüberstanden.
Die rund 300 Porträtfotos in Band 1 stellen nicht nur eine wertvolle Illustration dar, sondern dienen auch als wissenschaftlicher Behelf zur Identifizierung von Generälen auf zeitgenössischen Fotografien und in Archivmaterialien. Viele dieser Fotos wurden erstmals veröffentlicht und stammen aus privaten Nachlässen und öffentlichen Archiven.
Das Werk ist das Ergebnis jahrelanger Archivarbeit in österreichischen und internationalen Archiven, darunter das Österreichische Staatsarchiv, das Kriegsarchiv und verschiedene Landes- und Privatarchive. Die Autoren haben eine Forschungslücke geschlossen, denn während die Generäle der k.u.k. Monarchie und der Wehrmacht gut erforscht sind, fehlte bisher eine umfassende Darstellung der österreichischen Generäle der Zwischenkriegszeit und der frühen Zweiten Republik.
Für Sammler militärhistorischer Literatur, Forscher, Genealogen und Museen stellt dieses Werk ein unverzichtbares Nachschlagewerk dar. Es ermöglicht die Identifizierung von Personen auf Fotografien, die Zuordnung von Auszeichnungen und Uniformen und das Verständnis der komplexen personellen Kontinuitäten und Brüche in der österreichischen Militärgeschichte des 20. Jahrhunderts.