Uniformensemble für eine RAD-Führerin, Arbeitsgau XXI (Niederrhein)
Das Uniformensemble für eine RAD-Führerin des Arbeitsgaues XXI (Niederrhein) repräsentiert ein bedeutendes Zeugnis der Organisation des Reichsarbeitsdienstes der weiblichen Jugend (RADwJ) während der Zeit des Nationalsozialismus. Diese spezielle Uniform dokumentiert die hierarchische Struktur und regionale Gliederung einer Organisation, die zwischen 1939 und 1945 Millionen junger Frauen erfasste.
Der Reichsarbeitsdienst wurde am 26. Juni 1935 durch das Reichsarbeitsdienstgesetz als Pflichtdienst für alle jungen Deutschen eingeführt. Zunächst galt die Dienstpflicht nur für junge Männer, doch mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde am 4. September 1939 auch für Frauen eine sechsmonatige Dienstpflicht eingeführt. Der weibliche RAD war in Arbeitsgaue gegliedert, wobei der Arbeitsgau XXI Niederrhein die Region am unteren Rhein umfasste.
Die vorliegende Jacke aus erdbrauner Gabardine entspricht den offiziellen Bekleidungsvorschriften für Führerinnen im RADwJ. Die charakteristische erdbraune Farbe war das Markenzeichen des gesamten Reichsarbeitsdienstes und symbolisierte die Verbundenheit mit der Erde und der landwirtschaftlichen Arbeit. Der dunkelbraune Kragen mit Silberkordel kennzeichnete den Führerinnenstatus innerhalb der Organisation. Die Hierarchie im RADwJ reichte von einfachen Arbeitsmaiden über Vorarbeiterinnen und Kameradschaftsführerinnen bis zu höheren Führerinnen in den Gauebenen.
Besonders bemerkenswert ist das silber gewebte Ärmelabzeichen “XXI”, das die Zugehörigkeit zum Arbeitsgau Niederrhein dokumentiert. Diese Gauabzeichen wurden auf dem rechten Oberärmel getragen und ermöglichten eine schnelle Identifikation der regionalen Zugehörigkeit. Die Verwendung von Hornknöpfen und das violette Seidenfutter weisen auf die höhere Qualität der Führerinnenuniformen im Vergleich zu den einfacheren Ausführungen für die Arbeitsmaiden hin.
Der dazugehörige Rock für weibliche Helferinnen zeigt eine einfachere Ausführung ohne Innenfutter, was auf eine spätere Kriegsproduktion oder eine niedrigere Rangstufe hindeuten könnte. Der seitliche Reißverschluss der Firma “Zipp” war ein charakteristisches Merkmal der RAD-Röcke und entsprach den praktischen Anforderungen des Arbeitsdienstes. Die Firma Zipp war einer der führenden deutschen Reißverschlusshersteller dieser Zeit.
Die Tätigkeiten der Frauen im RAD umfassten hauptsächlich landwirtschaftliche Arbeiten, Haushaltshilfe in kinderreichen Familien und ab 1941 zunehmend auch Kriegshilfsdienste. Die jungen Frauen, meist im Alter von 17 bis 25 Jahren, lebten in Lagern unter militärähnlichen Bedingungen. Der Dienst sollte der körperlichen Ertüchtigung, der Erziehung zur “Volksgemeinschaft” und der Vorbereitung auf die spätere Rolle als Mutter und Hausfrau dienen.
Die Führerinnen des RADwJ trugen erhebliche Verantwortung für die Betreuung und Ausbildung der ihnen anvertrauten Arbeitsmaiden. Sie waren für die Durchführung des Arbeitsdienstes, die ideologische Schulung und die Disziplin in den Lagern zuständig. Ihre Uniformen sollten Autorität ausstrahlen und sie deutlich von den einfachen Dienstleistenden unterscheiden.
Die Bekleidungsvorschriften für den RADwJ wurden in mehreren Dienstanweisungen und Uniformierungsbestimmungen festgelegt. Die Beschaffung der Uniformen erfolgte zentral, wobei im Verlauf des Krieges zunehmend Materialengpässe auftraten. Dies führte zu Vereinfachungen in der Ausführung und zur Verwendung von Ersatzmaterialien.
Nach Kriegsende 1945 wurde der Reichsarbeitsdienst aufgelöst. Die Uniformen wurden vielfach vernichtet oder abgelegt, weshalb vollständige Ensembles heute selten sind. Solche Objekte dienen heute als wichtige Quellen für die historische Forschung über die Organisationsstruktur, die materielle Kultur und den Alltag im Nationalsozialismus. Sie dokumentieren ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte, in dem auch junge Frauen in das System von Zwang und Ideologie eingebunden wurden.
Das Ensemble aus dem Arbeitsgau XXI Niederrhein ist somit nicht nur ein uniformgeschichtliches Objekt, sondern auch ein Zeugnis der gesellschaftlichen Mobilisierung im Nationalsozialismus und der spezifischen Rolle, die Frauen in diesem System zugewiesen wurde.