Württemberg Reservistenkrug für den Gefreiten "Karl Ehrmann" im Ulanen-Regiment König Karl (1. Württembergisches) Nr. 19
Der Reservistenkrug stellt ein faszinierendes Zeugnis der militärischen Alltagskultur im Deutschen Kaiserreich dar und repräsentiert eine bedeutende Tradition, die zwischen den 1870er Jahren und dem Ersten Weltkrieg ihre Blütezeit erlebte. Dieses exemplarische Stück wurde für den Gefreiten Karl Ehrmann angefertigt, der im Ulanen-Regiment König Karl (1. Württembergisches) Nr. 19 diente, stationiert in Ulm/Wiblingen im Jahr 1910.
Die Tradition der Reservistenkrüge entwickelte sich nach der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Norddeutschen Bund 1867 und später im gesamten Deutschen Reich. Nach der Reichsgründung 1871 musste jeder wehrfähige Mann im Alter von 20 Jahren einen dreijährigen aktiven Militärdienst ableisten, gefolgt von mehreren Jahren in der Reserve. Diese Dienstzeit prägte eine ganze Generation junger Männer und wurde zu einem zentralen Lebensabschnitt. Der Reservistenkrug diente als persönliches Andenken an diese prägende Zeit und wurde traditionell zum Abschluss der aktiven Dienstzeit erworben.
Das Ulanen-Regiment König Karl Nr. 19 gehörte zur württembergischen Armee, die als eigenständiges Kontingent innerhalb der deutschen Reichsarmee eine besondere Stellung einnahm. Das Regiment wurde 1683 ursprünglich als Dragoner-Regiment gegründet und 1871 in ein Ulanen-Regiment umgewandelt. Es trug den Ehrennamen nach König Karl von Württemberg (1823-1891), der von 1864 bis 1891 regierte. Die Ulanen waren leichte Kavallerie, erkennbar an ihren charakteristischen Tschapkas (vierkantigen Kopfbedeckungen) und den langen Lanzen, die sie als Hauptwaffe führten.
Die Garnison in Ulm und Wiblingen hatte eine lange militärische Tradition. Ulm war seit Jahrhunderten eine bedeutende Festungsstadt, und Wiblingen, ein Vorort im Süden Ulms, beherbergte wichtige militärische Einrichtungen. Die Kaserne bot Unterkunft für mehrere hundert Soldaten und ihre Pferde, denn als Kavallerieeinheit benötigte das Ulanen-Regiment umfangreiche Stallungen und Reitplätze.
Der vorliegende Krug aus Keramik mit 0,5 Liter Fassungsvermögen entspricht der typischen Ausführung solcher Erinnerungsstücke. Die farbigen Darstellungen wurden meist in Lithografie-Technik aufgebracht oder handgemalt und zeigten charakteristische Motive: Regimentsabzeichen, militärische Szenen, Garnisonansichten, Wappen und oft humorvolle oder sentimentale Sprüche über das Soldatenleben. Der Zinndeckel mit der Figur eines Reiters ist typisch für Kavallerie-Krüge; die fehlende Lanze war ein besonders zerbrechliches Element dieser Darstellung.
Die Herstellung solcher Krüge erfolgte durch spezialisierte Manufakturen, vor allem in Thüringen, Bayern und Sachsen. Bekannte Produktionsstätten waren Mettlach (Villeroy & Boch), Marzi & Remy in Höhr-Grenzhausen und zahlreiche kleinere Werkstätten. Die Soldaten konnten ihre Krüge individuell gestalten lassen, wobei Name, Dienstzeit, Regiment und Garnison eingearbeitet wurden. Die Kosten für einen solchen Krug entsprachen etwa dem Sold von mehreren Wochen, was sie zu wertvollen persönlichen Besitztümern machte.
Der Rang des Gefreiten, den Karl Ehrmann innehatte, war der unterste Unteroffiziersdienstgrad und wurde für besondere Leistungen oder Zuverlässigkeit verliehen. Als Gefreiter war man von bestimmten niederen Diensten befreit und hatte bereits kleine Führungsaufgaben.
Das Jahr 1910 markiert einen wichtigen Zeitpunkt in der deutschen Militärgeschichte. Europa befand sich in einer Phase intensiver Aufrüstung und zunehmender politischer Spannungen. Das deutsche Heer wurde kontinuierlich vergrößert, und die Kavallerie spielte trotz aufkommender moderner Waffentechnologie noch immer eine wichtige Rolle in der Militärdoktrin. Nur vier Jahre später würde der Erste Weltkrieg beginnen, der die traditionelle Kavallerie weitgehend obsolet machen sollte.
Nach der aktiven Dienstzeit blieben die Reservisten in der Reserve und konnten im Kriegsfall einberufen werden. Der Reservistenkrug wurde zum Symbol für Kameradschaft, Pflichterfüllung und nationale Verbundenheit. In den Gasthäusern und bei Veteranentreffen wurden diese Krüge stolz präsentiert und für Trinksprüche verwendet. Sie repräsentierten auch einen wichtigen Aspekt der wilhelminischen Militärkultur, die das gesellschaftliche Leben im Kaiserreich stark prägte.
Heute sind Reservistenkrüge wichtige militärhistorische Dokumente, die Einblick geben in die Sozialgeschichte, Regimentsgeschichte und materielle Kultur des Kaiserreichs. Sie dokumentieren die persönlichen Geschichten tausender junger Männer und ihre Verbindung zu militärischen Einheiten, die oft eine jahrhundertelange Geschichte hatten. Für die Regional- und Lokalgeschichte sind sie besonders wertvoll, da sie Garnisonsorte und militärische Präsenz dokumentieren.