Preußen Schirmmütze für einen Offizier der Infanterie

Um 1910. Elegante, hohe Tellerform. Das Tuch dunkelblau mit rotem Mützenbund und Vorstoß, beide Kokarden, schwarz lackierter Schirm. Innen mit beigem Schweißband und weißem Seidenfutter, im Futter die Trägerinitialen "KP". Größe 56.  Das Futter mit Spuren einer alten Kopfverletzung. Das Tuch besonders am Deckel mit ein paar Mottenschäden. Zustand 2-.






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Preußen Schirmmütze für einen Offizier der Infanterie

Die preußische Schirmmütze für Offiziere der Infanterie aus der Zeit um 1910 repräsentiert einen wichtigen Bestandteil der militärischen Uniform des Deutschen Kaiserreichs in seiner Spätphase. Diese elegante Kopfbedeckung verkörpert nicht nur die militärische Tradition Preußens, sondern auch die gesellschaftliche Stellung des Offizierskorps im Wilhelminischen Deutschland.

Die charakteristische hohe Tellerform dieser Schirmmütze entwickelte sich in den Jahren nach 1900 und erreichte um 1910 ihre ausgeprägteste Form. Das dunkelbaue Tuch mit rotem Mützenbund und rotem Vorstoß entspricht präzise den Bekleidungsvorschriften für die preußische Infanterie. Die Farbgebung war keineswegs willkürlich: Blau war seit Jahrhunderten die traditionelle Waffenfarbe der preußischen Armee, während Rot die spezifische Waffenfarbe der Infanterie kennzeichnete. Diese Farbkombination ermöglichte eine sofortige Identifikation der Truppengattung.

Die Präsenz beider Kokarden auf dieser Schirmmütze ist von besonderer historischer Bedeutung. Die größere, schwarz-weiß-rote Kokarde repräsentierte das Deutsche Reich, während die kleinere, meist schwarz-weiße Kokarde das Königreich Preußen symbolisierte. Diese Doppelung verdeutlichte die komplexe föderale Struktur des Kaiserreichs, in dem die preußischen Streitkräfte zwar Teil der Reichsarmee waren, aber ihre eigene Identität bewahrten. Nach der Heeresreform von 1899 und den folgenden Bekleidungsvorschriften war die genaue Platzierung und Ausführung dieser Kokarden streng reglementiert.

Der schwarze lackierte Schirm diente nicht nur dem praktischen Schutz vor Sonne und Regen, sondern war auch ein ästhetisches Element, das die Eleganz der Offiziersuniform unterstrich. Die Lackierung musste stets gepflegt werden, um den militärischen Standards zu genügen. Das beige Schweißband und das weiße Seidenfutter im Inneren waren typisch für Offiziersmützen und unterschieden diese deutlich von den einfacheren Ausführungen der Mannschaften und Unteroffiziere.

Die im Futter eingestickten Trägerinitialen “KP” waren eine übliche Praxis, um persönliches Eigentum zu kennzeichnen. In einer Zeit, in der Offiziere ihre Uniformen selbst beschaffen mussten, waren solche handgefertigten Stücke wertvolle Besitztümer. Die Größe 56 entspricht einem Kopfumfang von etwa 56 Zentimetern und war eine durchaus übliche Größe.

Besonders bemerkenswert sind die Spuren einer alten Kopfverletzung im Futter, die dieser Schirmmütze eine persönliche Geschichte verleihen. Obwohl die Schirmmütze nicht als Gefechtsausrüstung gedacht war – hierfür trugen Offiziere den Helm (Pickelhaube) –, wurde sie im Dienst, bei Übungen und in Garnisonen getragen. Solche Gebrauchsspuren zeugen von der realen militärischen Verwendung des Objekts.

Die Zeit um 1910 war für die preußische und deutsche Armee eine Phase intensiver Modernisierung und Expansion. Das Flottenrüstungsprogramm unter Admiral von Tirpitz, die außenpolitischen Spannungen und die zunehmende Kriegsvorbereitung prägten diese Ära. Die Armee wurde kontinuierlich vergrößert, und das Offizierskorps spielte eine zentrale Rolle in der wilhelminischen Gesellschaft. Ein Offizier zu sein bedeutete nicht nur eine militärische Funktion, sondern auch einen hohen sozialen Status.

Die Uniform regulations für preußische Offiziere waren im “Anzug-Reglement” detailliert festgelegt. Diese Vorschriften bestimmten genau, wann welche Uniform oder Kopfbedeckung zu tragen war. Die Schirmmütze gehörte zur kleinen Uniform und wurde bei Dienstgeschäften, im Garnisonsalltag und zu gesellschaftlichen Anlässen getragen, bei denen die große Paradeuniform nicht erforderlich war.

Die handwerkliche Qualität solcher Offiziersmützen war in der Regel ausgezeichnet. Sie wurden von spezialisierten Militäreffektenhändlern und Uniformschneidern gefertigt, die oft über Generationen hinweg das Offizierskorps belieferten. Firmen wie Otto Reichardt in Berlin oder andere renommierte Hersteller waren für ihre Qualitätsarbeit bekannt.

Die erhaltenen Mottenschäden am Deckel sind typisch für textile Objekte aus dieser Zeit und mindern nicht den historischen Wert. Sie belegen vielmehr das natürliche Altern eines organischen Materials über mehr als ein Jahrhundert. Der angegebene Zustand 2- spiegelt wider, dass das Objekt trotz gewisser Gebrauchsspuren und altersbedingter Schäden noch sehr gut erhalten ist.

Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 und dem Zusammenbruch der Monarchie verloren diese Uniformstücke ihre ursprüngliche Funktion. Die Weimarer Republik führte neue Uniformen ein, und die prachtvollen kaiserlichen Uniformen wurden zu Erinnerungsstücken einer vergangenen Epoche. Heute sind solche Objekte wichtige Zeugnisse der deutschen Militärgeschichte und ermöglichen einen authentischen Einblick in die materielle Kultur des Kaiserreichs.