Katholisches Feldgesangbuch,
Katholisches Feldgesangbuch der Wehrmacht (1939)
Das Katholische Feldgesangbuch, herausgegeben 1939 vom renommierten Verlag Mittler & Sohn, repräsentiert einen bedeutenden Aspekt der religiösen Versorgung deutscher Soldaten während des Zweiten Weltkrieges. Diese kompakte Ausgabe mit 95 Seiten im Kleinformat war speziell für den militärischen Feldeinsatz konzipiert und spiegelt die komplexe Beziehung zwischen Kirche, Staat und Wehrmacht in der NS-Zeit wider.
Der Verlag Mittler & Sohn, gegründet 1882 in Berlin, war der führende deutsche Militärverlag und offizieller Verlag der preußischen und später der deutschen Wehrmacht. Das Verlagshaus hatte sich auf militärische Fachliteratur, Dienstvorschriften und religiöse Schriften für die Streitkräfte spezialisiert. Die Veröffentlichung religiöser Feldgesangbücher durch diesen Verlag unterstreicht die institutionelle Einbindung der Militärseelsorge in die Wehrmachtsstruktur.
Die katholische Militärseelsorge hatte in der deutschen Armee eine lange Tradition, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichte. Trotz der gespannten Verhältnisse zwischen der nationalsozialistischen Regierung und den christlichen Kirchen wurde die Militärseelsorge in der Wehrmacht offiziell fortgeführt. Das Reichskonkordat von 1933 zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Deutschen Reich regelte unter anderem auch die Seelsorge in der Wehrmacht und garantierte den Soldaten katholischen Glaubens die Betreuung durch Militärgeistliche.
Das Kleinformat des Gesangbuches war eine bewusste Entscheidung für die praktischen Anforderungen des Militärdienstes. Soldaten mussten ihre persönliche Ausrüstung oft über weite Strecken tragen, weshalb jedes Gramm zählte. Diese handlichen Ausgaben konnten problemlos in der Uniform- oder Tornistertasche mitgeführt werden. Der Umfang von 95 Seiten deutet auf eine sorgfältige Auswahl der wichtigsten Gebete, Lieder und liturgischen Texte hin, die für die religiöse Praxis im Feld als wesentlich erachtet wurden.
Die Inhalte solcher Feldgesangbücher umfassten typischerweise traditionelle katholische Kirchenlieder, Messgebete, Andachten und besondere Gebete für Soldaten. Häufig enthielten sie auch Texte für spezifische militärische Anlässe wie Gebete vor der Schlacht, für gefallene Kameraden oder für den Frieden. Die Liederauswahl reichte von klassischen Chorälen bis zu volkstümlichen religiösen Liedern, die auch ohne Orgelbegleitung im Feld gesungen werden konnten.
Das Erscheinungsjahr 1939 markiert einen historischen Wendepunkt. Im September dieses Jahres begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Die Produktion und Verteilung religiöser Literatur für die Wehrmacht wurde in den Kriegsjahren zu einem wichtigen Instrument zur Aufrechterhaltung der Moral und des seelischen Beistands für Millionen von Soldaten. Die Militärseelsorger, sowohl katholische als auch evangelische, begleiteten die Truppen an allen Fronten und hielten Feldgottesdienste ab, bei denen diese Gesangbücher zum Einsatz kamen.
Die Rolle der Militärgeistlichen in der Wehrmacht war ambivalent. Einerseits versuchten sie, den Soldaten spirituellen Trost und moralischen Halt zu geben. Andererseits waren sie Teil der militärischen Hierarchie und dienten einer Armee, die Verbrechen im Namen eines verbrecherischen Regimes beging. Viele Geistliche sahen sich mit schwierigen moralischen Dilemmata konfrontiert, während andere die nationalsozialistische Ideologie unterstützten oder zumindest tolerierten.
Nach dem Krieg wurden solche Feldgesangbücher zu wichtigen historischen Dokumenten. Sie bezeugen nicht nur die religiöse Praxis in der Wehrmacht, sondern auch die Alltagsrealität deutscher Soldaten. Für viele Soldaten boten diese kleinen Bücher einen Moment der Besinnung, der Hoffnung und der Verbindung zu ihrem Glauben in den extremen Belastungen des Krieges.
Heute sind katholische Feldgesangbücher aus der Wehrmacht-Zeit gesuchte militärhistorische Sammlerobjekte. Sie ermöglichen Historikern und Forschern Einblicke in die Mentalitätsgeschichte, die Rolle der Religion im Militär und die Alltagskultur der Soldaten. Die Erhaltung solcher Objekte ist wichtig für das Verständnis der Komplexität dieser historischen Epoche und der vielfältigen Erfahrungen der Menschen, die sie durchlebten.