Bayern Kartuschkasten und Paradebandolier für Offiziere der Kavallerie

Um 1910. Kartuschkasten mit versilbertem Deckel und aufgelegtem plastischem Bayerischen Wappen, rückseitig rotes Leder. Dazu das Bandolier, Silbertresse mit 3 blauen Durchzügen und Silberbeschlägen, die Unterseite aus rotem Leder. Zustand 2.
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Bayern Kartuschkasten und Paradebandolier für Offiziere der Kavallerie

Der bayerische Kartuschkasten mit Paradebandolier für Kavallerieoffiziere stellt ein herausragendes Beispiel der militärischen Ausrüstung des Königreichs Bayern in der späten Monarchiezeit dar. Diese um 1910 gefertigte Ausstattung verkörpert die Verbindung von praktischer militärischer Funktion und repräsentativer Prachtentfaltung, die für die europäischen Armeen der Belle Époque charakteristisch war.

Der Kartuschkasten (auch Patronentasche genannt) diente ursprünglich der Aufbewahrung von Munition, hatte aber bei Offizieren der Kavallerie längst seine praktische Bedeutung verloren und war zum reinen Paradestück geworden. Der versilberte Deckel mit dem plastisch aufgelegten bayerischen Wappen – dem charakteristischen weiß-blauen Rautenschild – demonstriert die Zugehörigkeit zum Königreich Bayern, das innerhalb des Deutschen Kaiserreiches eine Sonderstellung mit eigener Armee bewahrte.

Die bayerische Armee hatte seit dem Beitritt Bayerns zum Deutschen Reich 1871 ihre eigenständige Struktur, Uniformierung und Tradition weitgehend bewahrt. König Ludwig II. und seine Nachfolger bestanden auf dem Erhalt der bayerischen Militäridentität, was sich in allen Details der Ausstattung widerspiegelte. Die Kavallerie genoss dabei besonderes Prestige und rekrutierte ihre Offiziere vornehmlich aus dem bayerischen Adel und dem gehobenen Bürgertum.

Das dazugehörige Paradebandolier zeigt die für bayerische Kavallerieoffiziere typische Ausführung mit Silbertresse und drei blauen Durchzügen. Diese blauen Streifen verweisen auf die bayerischen Landesfarben Weiß und Blau. Die Verwendung von Silber anstelle von Gold unterschied die bayerische von der preußischen Tradition, wo häufiger vergoldete Beschläge verwendet wurden. Die Silberbeschläge des Bandoliers waren in aufwendiger Handarbeit gefertigt und zeugten vom hohen handwerklichen Können der spezialisierten Militäreffektenhersteller der Zeit.

Die rote Lederrückseite sowohl des Kartuschkastens als auch die rote Lederunterseite des Bandoliers dienten dem Tragekomfort und dem Schutz der Uniform. Rot war eine traditionelle Farbe in der militärischen Ausrüstung und wurde auch bei Satteldecken und anderen Kavallerieutensilien verwendet.

Die Zeit um 1910 markiert eine besondere Phase in der Geschichte der bayerischen Kavallerie. Das Königreich Bayern unterhielt zu dieser Zeit mehrere Kavallerieregimenter, darunter die traditionsreichen Chevaulegers-Regimenter, Ulanen und Kürassiere. Unter der Regentschaft von Prinzregent Luitpold (1886-1912) und später König Ludwig III. erlebte die bayerische Armee eine Modernisierungsphase, behielt aber ihre prachtvolle Paradeuniform bei.

Die Anfertigung solcher Paradeausrüstungen erfolgte durch spezialisierte Firmen, die als Hoflieferanten des königlichen Hauses privilegiert waren. Münchner Betriebe wie die Firma Gebrüder Auer oder andere Militäreffektenhändler lieferten diese hochwertigen Stücke, die von den Offizieren selbst bezahlt werden mussten – eine erhebliche finanzielle Belastung, die den exklusiven Charakter des Offizierskorps unterstreicht.

Bei Paraden, Hoffesten und militärischen Zeremonien trugen die Offiziere diese Ausstattung zur Gala-Uniform. Das Paradebandolier wurde diagonal über die rechte Schulter getragen, wobei der Kartuschkasten auf der linken Hüfte ruhte. Diese Trageweise folgte jahrhundertealten militärischen Traditionen und verlieh dem Träger eine imposante, martialische Erscheinung.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 endete die Ära der prachtvollen Paradeausstattungen abrupt. Die Realität des modernen Maschinenkrieges machte die traditionelle Kavallerie weitgehend obsolet, und die aufwendigen Paradeuniformen wurden durch feldgraue Felduniformen ersetzt. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie 1918 und der Abdankung König Ludwigs III. verloren diese Objekte ihre offizielle Funktion und wurden zu Erinnerungsstücken einer vergangenen Epoche.

Heute stellen solche Ensembles aus Kartuschkasten und Paradebandolier wertvolle historische Zeugnisse dar, die Einblick in die Militärkultur des Kaiserreiches und die besondere Stellung Bayerns innerhalb Deutschlands geben. Sie dokumentieren nicht nur militärische Hierarchien und Traditionen, sondern auch das Kunsthandwerk, die Materialkultur und die repräsentativen Ansprüche einer untergegangenen Gesellschaftsordnung. Der ausgezeichnete Erhaltungszustand solcher Stücke macht sie zu begehrten Sammlerobjekten und wichtigen Exponaten militärhistorischer Sammlungen.

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