Reichsnährstand Landesbauernschaft Rheinland Hauptabteilung II
Die vorliegende Medaille stammt aus dem Kontext des Reichsnährstands, einer zentralen Organisation der nationalsozialistischen Agrarpolitik, die 1933 unter der Leitung von Richard Walther Darré als Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft gegründet wurde. Diese große tragbare Auszeichnung mit einem beeindruckenden Durchmesser von 70 mm wurde anlässlich der Provinzial-Pferde-Ausstellung 1939 von der Landesbauernschaft Rheinland, Hauptabteilung II, herausgegeben.
Der Reichsnährstand war weit mehr als eine einfache Berufsorganisation. Er stellte die obligatorische Zwangsvereinigung aller in der Land- und Ernährungswirtschaft Tätigen dar und verfolgte die ideologischen Ziele der NS-Blut-und-Boden-Politik. Die Organisation gliederte sich hierarchisch in Reichs-, Landes-, Kreis- und Ortsbauernschaften. Die Landesbauernschaft Rheinland war eine dieser regionalen Untergliederungen und für die preußische Rheinprovinz zuständig, ein Gebiet von erheblicher landwirtschaftlicher Bedeutung.
Pferdezucht und Pferdehaltung besaßen im Dritten Reich eine herausragende Bedeutung, die sowohl militärische als auch wirtschaftliche Dimensionen umfasste. Trotz zunehmender Motorisierung blieb das Pferd bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs das wichtigste Transportmittel der Wehrmacht. Die deutschen Streitkräfte setzten während des gesamten Krieges mehrere Millionen Pferde ein, hauptsächlich für den Transport von Artillerie, Nachschub und Versorgungsgütern. Die Förderung der Pferdezucht war daher von strategischer Bedeutung für die Kriegsvorbereitungen des NS-Regimes.
Die Provinzial-Pferde-Ausstellung 1939 fand in einem bedeutsamen historischen Moment statt. Das Jahr 1939 markierte den Beginn des Zweiten Weltkriegs mit dem Überfall auf Polen am 1. September. Solche Ausstellungen dienten mehreren Zwecken: Sie sollten die Qualität der regionalen Pferdezucht präsentieren, Züchter für hervorragende Leistungen auszeichnen und die Bedeutung der Landwirtschaft im Rahmen der nationalsozialistischen Autarkiepolitik demonstrieren. Die Hauptabteilung II des Reichsnährstands war speziell für Tierzucht und Viehwirtschaft zuständig, was die Zuordnung dieser Auszeichnung erklärt.
Die technische Ausführung der Medaille als hohle, vergoldete Prägung mit 70 mm Durchmesser entspricht den Standards repräsentativer Auszeichnungen jener Zeit. Solche großformatigen Medaillen wurden typischerweise an Züchter, Landwirte oder verdiente Funktionäre des Reichsnährstands verliehen. Das Fehlen eines Bandes deutet darauf hin, dass es sich um eine Tisch- oder Schaustückmedaille handelte, die nicht am Körper getragen, sondern ausgestellt werden sollte. Dies war bei landwirtschaftlichen Prämierungen durchaus üblich.
Der Reichsnährstand verwendete ein ausgefeiltes System von Auszeichnungen, Medaillen und Ehrenzeichen, um seine Mitglieder zu motivieren und die Produktionsleistungen zu steigern. Diese Auszeichnungen reichten von einfachen Anerkennungsurkunden bis zu wertvollen Medaillen und staatlichen Ehrenzeichen. Das System der Leistungsauszeichnungen war Teil der umfassenderen NS-Propaganda, die den deutschen Bauernstand als “Blutquell der Nation” idealisierte und die Landwirtschaft als Grundlage der völkischen Existenz darstellte.
Die Rheinprovinz besaß eine lange Tradition in der Pferdezucht, insbesondere das rheinische Kaltblutpferd war für seine Arbeitsleistung geschätzt. Neben den schweren Arbeitspferden wurden auch Warmblüter für militärische und sportliche Zwecke gezüchtet. Die regionalen Pferde-Ausstellungen waren wichtige Ereignisse im landwirtschaftlichen Kalender und zogen Züchter, Händler und Interessenten aus der gesamten Region an.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Reichsnährstand als nationalsozialistische Organisation aufgelöst. Seine Strukturen wurden durch demokratische Bauernverbände und landwirtschaftliche Organisationen ersetzt. Medaillen und Auszeichnungen aus dieser Zeit sind heute historische Dokumente, die Einblick in die Organisation der nationalsozialistischen Agrarpolitik und die Bedeutung der Pferdezucht in der Vorkriegs- und Kriegszeit geben.
Solche Objekte besitzen heute ausschließlich historischen und sammlungswürdigen Charakter. Sie dokumentieren einen spezifischen Aspekt der NS-Herrschaft und erlauben es, die Durchdringung aller gesellschaftlichen Bereiche durch das nationalsozialistische System zu verstehen. Die Verbindung von landwirtschaftlicher Leistungsförderung mit ideologischer Indoktrination und militärischer Vorbereitung wird an solchen Auszeichnungen besonders deutlich.