Erster Reichmarsch Amsterdam _Weesp 20-3.-43
Der Erste Reichsmarsch Amsterdam-Weesp vom 20. März 1943 stellt ein bedeutendes Zeugnis der nationalsozialistischen Besatzungszeit in den Niederlanden während des Zweiten Weltkriegs dar. Solche Marschveranstaltungen waren integrale Bestandteile der deutschen Propaganda- und Organisationsstruktur im besetzten Westeuropa.
Nach der Kapitulation der niederländischen Streitkräfte am 15. Mai 1940 etablierte das nationalsozialistische Deutschland eine Zivilverwaltung unter Reichskommissar Arthur Seyß-Inquart. Im Gegensatz zu anderen besetzten Gebieten wurde die Niederlande nicht einer Militärverwaltung unterstellt, da die NS-Führung die Niederländer als “germanisches Brudervolk” betrachtete und eine politische Integration in das Reich anstrebte.
Sportliche und militärische Märsche gehörten zum Standardrepertoire der nationalsozialistischen Organisationskultur. Sie dienten mehreren Zwecken: der körperlichen Ertüchtigung, der Demonstration von Stärke und Disziplin, der Kameradschaftsbildung und nicht zuletzt der Propaganda. Solche Veranstaltungen wurden sowohl von deutschen Besatzungseinheiten als auch von kollaborierenden niederländischen Organisationen durchgeführt.
Die Route zwischen Amsterdam und Weesp umfasst eine Distanz von etwa 15 bis 20 Kilometern, je nach genauer Streckenführung. Weesp liegt südöstlich von Amsterdam an der Vecht und war während der Besatzungszeit von strategischer Bedeutung aufgrund seiner Verkehrsverbindungen. Die Stadt beherbergte verschiedene deutsche Dienststellen und Truppenteile.
Im März 1943 befand sich die deutsche Besatzung der Niederlande in einer Phase verstärkter Repression. Die anfängliche Politik der “samtenen Handschuhe” war längst gescheitert. Der niederländische Widerstand wuchs, besonders nach der Einführung der Arbeitseinsatzpflicht im Frühjahr 1943, die Hunderttausende niederländischer Männer zur Zwangsarbeit ins Reich verpflichten sollte. Diese Maßnahme führte zu massivem Widerstand und trieb viele junge Männer in den Untergrund.
Gleichzeitig intensivierte die Besatzungsmacht die Verfolgung der niederländischen Juden. Bis März 1943 waren bereits die meisten jüdischen Einwohner Amsterdams deportiert worden. Die Stadt, die vor dem Krieg eine blühende jüdische Gemeinde von etwa 80.000 Menschen beherbergte, wurde systematisch ihrer jüdischen Bevölkerung beraubt.
Marschveranstaltungen wie der hier dokumentierte wurden in verschiedenen Formen durchgeführt. Sie konnten militärische Übungsmärsche von Wehrmacht-Einheiten sein, Veranstaltungen der Waffen-SS, die in den Niederlanden aktiv rekrutierte, oder Aktivitäten kollaborierender Organisationen wie der niederländischen SS oder anderer nationalsozialistischer Bewegungen.
Die Dokumentation solcher Märsche erfolgte oft durch Erinnerungsstücke, Abzeichen, Urkunden oder Fotografien. Diese Objekte sollten den Teilnehmern als Andenken dienen und gleichzeitig die Bedeutung der Veranstaltung unterstreichen. Sie waren Teil der umfassenden NS-Symbolkultur, die jeden Aspekt des öffentlichen Lebens durchdringen sollte.
Für die niederländische Bevölkerung waren solche öffentlichen deutschen Aktivitäten eine ständige Erinnerung an die Besatzung und die eingeschränkte Souveränität. Während einige Niederländer mit den Besatzern kollaborierten – die Nationaal-Socialistische Beweging (NSB) unter Anton Mussert stellte die wichtigste kollaborierende politische Kraft dar – wuchs in der Mehrheit der Bevölkerung der Widerstandsgeist.
Das Jahr 1943 markierte einen Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg. Die deutsche Niederlage bei Stalingrad im Februar 1943 hatte die Unbesiegbarkeit der Wehrmacht in Frage gestellt. In Nordafrika erlitten die Achsenmächte entscheidende Niederlagen. Dennoch sollte es noch über zwei Jahre bis zur Befreiung der Niederlande dauern, und die Besatzungszeit würde besonders im “Hungerwinter” 1944/45 noch schreckliche Opfer fordern.
Historische Objekte aus dieser Zeit sind wichtige Quellen für die Geschichtswissenschaft. Sie dokumentieren nicht nur die Besatzungsrealität, sondern auch die Mechanismen von Herrschaft, Propaganda und Kollaboration. Sie erinnern an eine dunkle Periode der niederländischen Geschichte, in der über 100.000 niederländische Juden ermordet wurden und Zehntausende zur Zwangsarbeit deportiert wurden.
Heute dienen solche Objekte in Museen und Sammlungen der historischen Aufklärung und Mahnung. Sie helfen dabei, die Mechanismen totalitärer Herrschaft zu verstehen und die Bedeutung demokratischer Werte und Menschenrechte zu unterstreichen.