Deutsches Reich 1871 - 1918 Erster Weltkrieg Kinder-Teller "Wie unsre tapferen Helden ziehn wir einst ins Feld, wenn es auch sollte gelten gleich einer ganzen Welt."

Um 1916. Porzellan, glasiert. Durchmesser 18 cm. Rückseitig markiert. Eine kleine Stoßstelle. Zustand 2-. 
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60,00

Deutsches Reich 1871 - 1918 Erster Weltkrieg Kinder-Teller "Wie unsre tapferen Helden ziehn wir einst ins Feld, wenn es auch sollte gelten gleich einer ganzen Welt."

Der vorliegende Kinderteller aus Porzellan mit patriotischer Aufschrift stammt aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, vermutlich aus dem Jahr 1916. Mit einem Durchmesser von 18 Zentimetern repräsentiert er ein faszinierendes Beispiel für die Heimatfront-Propaganda und die Militarisierung der Kindheit im Deutschen Kaiserreich während des Großen Krieges.

Die Inschrift auf dem Teller lautet: "Wie unsre tapferen Helden ziehn wir einst ins Feld, wenn es auch sollte gelten gleich einer ganzen Welt." Diese Verse spiegeln die intensive propagandistische Durchdringung des Alltagslebens wider, die alle Bevölkerungsschichten erfasste – selbst die jüngsten Mitglieder der Gesellschaft. Der Reim vermittelt militärische Werte wie Tapferkeit, Opferbereitschaft und bedingungslose Vaterlandstreue bereits an Kinder im Vorschul- und Grundschulalter.

Solche Gebrauchsgegenstände mit patriotischen Motiven wurden während des Ersten Weltkriegs in großer Zahl hergestellt. Die deutsche Porzellanindustrie, mit bedeutenden Zentren in Thüringen, Sachsen und Bayern, produzierte neben traditionellem Tafelgeschirr auch zahlreiche kriegsverherrlichende Objekte. Hersteller wie die Porzellanfabriken in Selb, Coburg oder der Rhön stellten Teller, Tassen, Figuren und andere Artikel her, die militärische Motive trugen oder – wie im vorliegenden Fall – propagandistische Botschaften vermittelten.

Die Kindererziehung im Kaiserreich war stark von militärischen Idealen geprägt. Bereits vor dem Krieg spielten Konzepte wie Disziplin, Gehorsam und Wehrhaftigkeit eine zentrale Rolle in der Pädagogik. Mit Kriegsbeginn 1914 intensivierte sich diese Tendenz dramatisch. Schulbücher wurden mit kriegsverherrlichenden Inhalten angereichert, Lehrer ermahnten ihre Schüler zu patriotischer Gesinnung, und selbst das Spielzeug – von Zinnsoldaten bis zu Kriegsschiffen – sollte die Jugend auf ihre künftige Rolle als Verteidiger des Vaterlandes vorbereiten.

Der Einsatz von Alltagsgegenständen als Propagandamedien war besonders effektiv, da sie täglich genutzt wurden und ihre Botschaften somit kontinuierlich präsent waren. Ein Kind, das von einem solchen Teller aß, wurde bei jeder Mahlzeit mit der militaristischen Ideologie konfrontiert. Die spielerische Vermittlung von Kriegsbegeisterung sollte eine Generation heranbilden, die im Ernstfall bereit wäre, "ins Feld zu ziehen".

Das Jahr 1916, aus dem der Teller vermutlich stammt, markierte einen Wendepunkt im Ersten Weltkrieg. Die Schlacht von Verdun und die Somme-Schlacht führten zu verheerenden Verlusten auf allen Seiten. An der Heimatfront machten sich zunehmend Versorgungsschwierigkeiten bemerkbar, der sogenannte "Steckrübenwinter" 1916/17 stand bevor. Dennoch – oder gerade deshalb – intensivierte die Propaganda ihre Bemühungen, die Moral der Bevölkerung aufrechtzuerhalten.

Die Formulierung "gleich einer ganzen Welt" bezieht sich auf die Tatsache, dass das Deutsche Reich und seine Verbündeten gegen eine Koalition kämpften, die große Teile der Welt umfasste: Frankreich, Großbritannien, Russland, Italien und später die Vereinigten Staaten. Diese Einkreisung wurde in der deutschen Propaganda als heroischer Abwehrkampf dargestellt.

Nach dem Krieg und dem Zusammenbruch des Kaiserreichs 1918 verloren solche Objekte ihre propagandistische Funktion. Viele wurden entsorgt oder gerieten in Vergessenheit. Heute sind sie wichtige zeithistorische Dokumente, die Aufschluss über Mentalitäten, Erziehungsmethoden und die Alltagskultur während des Ersten Weltkriegs geben.

Der Erhaltungszustand des Tellers mit einer kleinen Stoßstelle zeugt von seiner tatsächlichen Verwendung. Die rückseitige Markierung ermöglicht eine Zuordnung zu einem bestimmten Hersteller, was für die porzellanhistorische Forschung von Bedeutung ist. Solche Objekte werden heute von Sammlern militärhistorischer Antiquitäten, aber auch von Museen geschätzt, die die Geschichte der Heimatfront und der Kriegspropaganda dokumentieren.

Die Beschäftigung mit derartigen Propagandaobjekten ist nicht nur für die Militärgeschichte relevant, sondern auch für die Medien- und Kommunikationsgeschichte sowie die Geschichte der Kindheit. Sie zeigen, mit welchen Mitteln totalitäre und autoritäre Systeme versuchten, bereits die jüngsten Gesellschaftsmitglieder ideologisch zu formen – eine Praktik, die im Nationalsozialismus später in noch extremerer Form fortgeführt wurde.

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