WHW - 6. KWHW 1. Reichsstrassensammlung 21./22.10.1944
Das vorliegende Objekt repräsentiert eine Sammlung von 20 Keramikabzeichen aus der 6. Kriegswinterhilfswerk (KWHW) Sammelaktion, die am 21. und 22. Oktober 1944 als 1. Reichsstraßensammlung durchgeführt wurde. Diese Abzeichen trugen das Thema “Sternbilder” und gehören zu den letzten größeren WHW-Sammlungen des nationalsozialistischen Deutschlands.
Das Winterhilfswerk des Deutschen Volkes (WHW) wurde im September 1933 als nationalsozialistische Wohlfahrtsorganisation gegründet. Unter der Leitung von Erich Hilgenfeldt entwickelte sich das WHW zu einer der größten Propagandaaktionen des Regimes. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 wurde die Organisation in Kriegswinterhilfswerk (KWHW) umbenannt, um den veränderten Bedingungen Rechnung zu tragen. Die Sammlungen dienten offiziell der Unterstützung bedürftiger Volksgenossen, fungierten aber gleichzeitig als Instrument zur Mobilisierung der Bevölkerung und zur Demonstration der Volksgemeinschaft.
Die Reichsstraßensammlungen stellten einen wichtigen Bestandteil der WHW-Aktionen dar. Bei diesen Sammlungen zogen Sammler durch die Straßen und baten um Spenden, für die im Gegenzug kleine Abzeichen ausgegeben wurden. Diese Abzeichen wurden aus verschiedenen Materialien hergestellt, darunter Metall, Holz, Glas, Pappe und – wie im vorliegenden Fall – Keramik. Die Abzeichen dienten nicht nur als Spendenquittung, sondern auch als sichtbares Zeichen der Teilnahme an der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft. Wer kein Abzeichen trug, setzte sich dem Verdacht aus, nicht zur Gemeinschaft beizutragen.
Das Jahr 1944 markierte eine kritische Phase des Zweiten Weltkrieges. Nach der Landung der Alliierten in der Normandie im Juni 1944 und dem Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte an der Ostfront befand sich das Deutsche Reich in einer zunehmend aussichtslosen Lage. Dennoch – oder gerade deswegen – wurde die Propagandamaschinerie weiter betrieben. Die WHW-Sammlungen im Herbst 1944 dienten der Aufrechterhaltung der Moral an der Heimatfront und sollten den Eindruck von Normalität und Durchhaltewillen vermitteln.
Die Wahl des Themas “Sternbilder” für die Oktober-Sammlung 1944 ist bemerkenswert. Astronomische Motive waren bereits in früheren WHW-Sammlungen verwendet worden und entsprachen der nationalsozialistischen Vorliebe für germanisch-mythologische und naturverbundene Symbolik. Sternbilder konnten als zeitlos und unpolitisch präsentiert werden, während sie gleichzeitig Assoziationen von Orientierung, Schicksal und kosmischer Ordnung weckten – Themen, die in der verzweifelten Kriegslage von 1944 besondere Bedeutung erhielten.
Die Herstellung der Abzeichen aus Keramik war in den späten Kriegsjahren besonders relevant. Aufgrund der extremen Rohstoffknappheit musste das Regime auf Materialien zurückgreifen, die nicht kriegswichtig waren. Metalle wurden dringend für die Rüstungsproduktion benötigt, sodass Keramik, Holz und andere Ersatzmaterialien verstärkt eingesetzt wurden. Die Keramikabzeichen wurden von verschiedenen Manufakturen und Töpfereien im gesamten Reich hergestellt, was auch der Beschäftigung in diesen Betrieben diente.
Die Sammlung von 20 Keramikabzeichen zu einem einzigen Thema deutet darauf hin, dass es sich um eine vollständige oder nahezu vollständige Serie handelt. Die WHW-Abzeichen wurden üblicherweise in thematischen Serien produziert, wobei verschiedene Varianten eines Motivs oder verschiedene Sternbilder dargestellt wurden. Sammler dieser Abzeichen – sowohl während der Zeit als auch nach dem Krieg – strebten danach, vollständige Serien zusammenzutragen.
Der angegebene Zustand 2 in der Objektbeschreibung entspricht nach gängigen Bewertungsskalen einem sehr guten Erhaltungszustand mit minimalen Gebrauchsspuren. Dies ist bei Keramikabzeichen aus der späten Kriegszeit bemerkenswert, da diese oft unter hastig produzierten Bedingungen hergestellt wurden und das Material naturgemäß anfällig für Beschädigungen ist.
Nach Kriegsende 1945 wurde das Winterhilfswerk wie alle nationalsozialistischen Organisationen aufgelöst. Die Millionen von produzierten Abzeichen blieben jedoch erhalten und wurden zu historischen Dokumenten einer Zeit, in der Wohlfahrt und Propaganda untrennbar miteinander verwoben waren. Heute sind WHW-Abzeichen begehrte Sammlerstücke, die als materielle Zeugnisse der nationalsozialistischen Alltagskultur und Propagandamaschinerie studiert werden.
Die wissenschaftliche Bewertung dieser Objekte hat sich gewandelt. Während sie lange Zeit primär als Sammelobjekte betrachtet wurden, erkennt die moderne Geschichtswissenschaft in ihnen wichtige Quellen zur Erforschung der nationalsozialistischen Durchdringung des Alltags und der Mobilisierung der Gesellschaft für die Kriegsanstrengungen bis in die letzten Kriegsmonate hinein.