Abriß der Geschichte des 2. Hannoverschen Infanterie-Regiments Nr. 77,

und seiner Überlieferungen aus Hannoverscher Zeit 1813-1903, Berlin 1904, Verlag von Bath, mit handschriftlicher Eigentumssignatur, 102 Seiten mit Ranglisten und Skizzen. Rückseitig Bleistiftnotiz, Kleinformat, aussen leicht fleckig, Zustand 2
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30,00

Abriß der Geschichte des 2. Hannoverschen Infanterie-Regiments Nr. 77,

Die Regimentsgeschichte des 2. Hannoverschen Infanterie-Regiments Nr. 77 aus dem Jahr 1904 repräsentiert einen wichtigen Typus militärhistorischer Dokumentation, der im Deutschen Kaiserreich zwischen 1871 und 1918 eine bemerkenswerte Blütezeit erlebte. Diese offiziellen und halboffiziellen Publikationen dienten nicht nur der historischen Aufarbeitung militärischer Traditionen, sondern erfüllten auch wichtige Funktionen der Identitätsstiftung und Traditionsbildung innerhalb der preußisch-deutschen Armee.

Das 2. Hannoversche Infanterie-Regiment Nr. 77 hatte eine besondere Geschichte, da es seine Wurzeln im Königreich Hannover hatte, das 1866 nach dem Deutschen Krieg von Preußen annektiert wurde. Die Betonung der “Überlieferungen aus Hannoverscher Zeit 1813-1903” im Titel weist auf die bewusste Pflege der hannoverschen Traditionslinie hin, die auch nach der Eingliederung in die preußische Armee aufrechterhalten wurde. Dies war Teil einer gezielten Politik Preußens, die regionalen Identitäten der neu eingegliederten Gebiete zu respektieren und in die gesamtdeutsche Militärtradition zu integrieren.

Der Zeitraum 1813 markiert die Befreiungskriege gegen Napoleon, in denen hannoversche Truppen als Teil der King's German Legion und später als eigenständige hannoversche Verbände kämpften. Nach dem Wiener Kongress 1815 wurde das Königreich Hannover wiederhergestellt und baute seine eigene Armee auf. Diese bestand bis 1866, als Hannover im Deutschen Krieg an der Seite Österreichs gegen Preußen kämpfte und nach der Niederlage annektiert wurde.

Regimentsgeschichten wie diese wurden typischerweise zu Jubiläen oder besonderen Anlässen verfasst. Sie enthielten üblicherweise detaillierte Chroniken der Feldzüge und Schlachten, an denen das Regiment teilgenommen hatte, biografische Informationen über bedeutende Kommandeure, sowie Ranglisten der Offiziere. Die Erwähnung von “Skizzen” deutet auf kartografische Darstellungen von Schlachtfeldern oder Illustrationen von Uniformen und Fahnen hin, die für das Verständnis der militärischen Entwicklung wichtig waren.

Der Verlag von Bath in Berlin war auf militärische Publikationen spezialisiert und gab zahlreiche Regimentsgeschichten heraus. Diese Verlage arbeiteten oft eng mit den Regimentsstäben zusammen und hatten Zugang zu offiziellen Archiven und Dokumenten. Die handschriftliche Eigentumssignatur, die bei diesem Exemplar erwähnt wird, war typisch für solche Bücher, die oft von Offizieren oder ehemaligen Regimentsangehörigen erworben und als persönliche Erinnerungsstücke bewahrt wurden.

Im militärhistorischen Kontext des Kaiserreichs erfüllten diese Publikationen mehrere Funktionen: Sie dienten der Traditionsbildung und Kameradschaftspflege, indem sie die gemeinsame Geschichte und die Leistungen des Regiments dokumentierten. Sie waren wichtig für die militärische Ausbildung, da sie jungen Offizieren Beispiele taktischer Operationen und militärischer Führung boten. Zudem spielten sie eine Rolle in der öffentlichen Repräsentation des Militärs und trugen zur Legitimierung der Armee in der Gesellschaft bei.

Die Zeitspanne von 1813 bis 1903 umfasst nahezu ein Jahrhundert deutscher und europäischer Militärgeschichte. Für das hannoversche Regiment bedeutete dies die Teilnahme an den Befreiungskriegen, möglicherweise an der Niederschlagung der Revolution von 1848, am Deutschen Krieg von 1866 (auf der “falschen” Seite aus preußischer Sicht), und nach der Eingliederung in die preußische Armee am Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 sowie an den friedenszeitlichen Aktivitäten bis zur Jahrhundertwende.

Das Kleinformat dieser Publikation deutet darauf hin, dass es sich um eine kompakte Ausgabe handelte, möglicherweise einen “Abriss” im wörtlichen Sinne – eine gekürzte Darstellung der vollständigen Regimentsgeschichte. Solche kürzeren Versionen waren für den breiteren Gebrauch innerhalb des Regiments gedacht und kostengünstiger in der Herstellung als die oft aufwendig illustrierten und in Leder gebundenen Prachtausgaben.

Heute sind solche Regimentsgeschichten wichtige Quellen für Militärhistoriker, Genealogen und Sammler. Sie bieten detaillierte Informationen über die Organisation, Uniformierung und Einsatzgeschichte der Regimenter, die in allgemeinen Geschichtswerken oft nur am Rande erwähnt werden. Die persönlichen Signnaturen und Notizen, wie die erwähnte Bleistiftnotiz auf der Rückseite, fügen den Büchern eine zusätzliche Ebene der Provenienz und des persönlichen Bezugs hinzu und machen jedes Exemplar zu einem einzigartigen historischen Dokument.