Königreich Bayern Krätzchen für Mannschaften im 1. Fußartillerie-Regiment vakant Bothmer

Standort München/Neu-Ulm. Eigentumsstück um 1910. Das Krätzchen aus dunkelblauem Stoff mit schwarzem Bund und roten Vorstößen, mit beiden Kokarden. Innen mit braunem Lederschweißband und hellblauem Futter mit Hersteller «...Max Römer Neu-Ulm...». Größe ca. 53. Getragen. Zustand 2.
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Königreich Bayern Krätzchen für Mannschaften im 1. Fußartillerie-Regiment vakant Bothmer

Das vorliegende Krätzchen stellt ein authentisches Beispiel der militärischen Kopfbedeckung für Mannschaften der königlich-bayerischen Fußartillerie in der Vorkriegszeit des Ersten Weltkrieges dar. Diese charakteristische Kopfbedeckung war Bestandteil der Uniform des 1. Fußartillerie-Regiments vakant Bothmer, das zu den traditionsreichsten Artillerieverbänden des Königreichs Bayern zählte.

Das Regiment führte die Bezeichnung “vakant Bothmer” nach General der Infanterie Felix Graf von Bothmer (1852-1937), der als Regimentschef fungierte. Das 1. Fußartillerie-Regiment war in München stationiert, wobei Teile des Regiments auch in Neu-Ulm untergebracht waren, was durch den Herstellerstempel des renommierten Uniformausstatters Max Römer aus Neu-Ulm bestätigt wird.

Die Fußartillerie unterschied sich von der berittenen Feldartillerie durch ihre geringere Mobilität und ihre Aufgabe, schwerere Geschütze zu bedienen. In der bayerischen Armee bildete sie einen wichtigen Bestandteil der Festungs- und Belagerungsartillerie. Die königlich-bayerische Armee verfügte im Jahr 1910 über zwei Fußartillerie-Regimenter, die jeweils aus mehreren Bataillonen bestanden und mit schweren Geschützen ausgerüstet waren.

Das Krätzchen als Kopfbedeckung wurde in der bayerischen Armee nach dem königlichen Armeebefehl von 1886 für die Mannschaften der Artillerie eingeführt. Es stellte eine praktische und bequeme Alternative zur steifen Pickelhaube dar und wurde besonders bei Dienst in Kasernen, bei Übungen und im Alltag getragen. Die charakteristische Form mit dem dunkelgrünen oder dunkelblauen Stoff entsprach den Bekleidungsvorschriften für die königlich-bayerische Armee.

Die Farbgestaltung des vorliegenden Exemplars folgt präzise den Uniformvorschriften: Der dunkelblaue Grundstoff war die Waffenfarbe der Artillerie, während der schwarze Bund und die roten Vorstöße spezifische Kennzeichen der Fußartillerie darstellten. Diese Farbkombination unterschied die Fußartillerie von anderen Truppengattungen und ermöglichte eine sofortige Identifikation der Waffengattung.

Besonders bemerkenswert sind die beiden Kokarden, die am Krätzchen angebracht waren. Die größere schwarz-weiße Kokarde repräsentierte das Deutsche Kaiserreich und symbolisierte die Zugehörigkeit zur deutschen Streitmacht, während die kleinere weiß-blaue Kokarde die Verbundenheit mit dem Königreich Bayern zum Ausdruck brachte. Diese doppelte Symbolik war charakteristisch für die bayerische Armee, die zwar Teil der deutschen Streitkräfte war, aber ihre eigenständige Identität bewahrte.

Der Hersteller Max Römer aus Neu-Ulm gehörte zu den etablierten Lieferanten militärischer Ausrüstungsgegenstände in Bayern. Solche Firmen arbeiteten oft über Generationen hinweg und belieferten sowohl die Militärverwaltung als auch einzelne Soldaten, die Teile ihrer Uniform selbst beschaffen mussten oder wollten. Die Qualität der Verarbeitung und die Verwendung hochwertiger Materialien waren kennzeichnend für diese Manufakturen.

Das Lederschweißband im Inneren des Krätzchens diente dem Tragekomfort und sollte verhindern, dass Schweiß den Stoff beschädigte. Das hellblaue Futter war typisch für bayerische Militärkopfbedeckungen und entspricht den Herstellungsstandards der Vorkriegszeit. Die Größe von etwa 53 entsprach den damaligen Größenangaben, die in Zentimetern des Kopfumfangs gemessen wurden.

Die zeitliche Einordnung um 1910 platziert dieses Krätzchen in eine bedeutende Phase der europäischen Militärgeschichte. In dieser Zeit befand sich die bayerische Armee in einer Modernisierungsphase, wobei traditionelle Elemente mit neuen militärischen Entwicklungen kombiniert wurden. Die Fußartillerie wurde in diesen Jahren mit moderneren Geschützen ausgerüstet, blieb aber in ihrer grundsätzlichen Organisationsstruktur dem traditionellen System verhaftet.

Das 1. Fußartillerie-Regiment sollte wenige Jahre später, beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914, eine wichtige Rolle spielen. Die in Friedenszeiten erworbene Ausbildung und Disziplin wurden dann im Kriegseinsatz auf die Probe gestellt. Viele der Soldaten, die ein solches Krätzchen trugen, sollten später die Schrecken des industrialisierten Krieges erleben.

Solche Uniformstücke sind heute wertvolle militärhistorische Zeugnisse, die Einblick in die Alltagswelt des Soldaten vor dem Ersten Weltkrieg geben. Sie dokumentieren nicht nur militärische Hierarchien und Organisationsstrukturen, sondern auch handwerkliche Traditionen und die materielle Kultur der Epoche. Das vorliegende Krätzchen mit seinen gut erhaltenen Details ermöglicht es Historikern und Sammlern, die Uniformierungspraxis der königlich-bayerischen Armee zu rekonstruieren und zu verstehen.