2. Weltkrieg Grabenkunst im Stile des 1. Weltkrieges "Westfront 1939"
Grabenkunst des Zweiten Weltkriegs: Westfront 1939
Dieser steinerne Gegenstand repräsentiert eine faszinierende Verbindung zwischen zwei Weltkriegen und dokumentiert die Kontinuität soldatischer Kunstfertigkeit unter den extremen Bedingungen des Krieges. Mit einer Höhe von etwa 13 Zentimetern und einem Gewicht von 1,3 Kilogramm zeigt dieser Stein das Eiserne Kreuz mit der Jahreszahl 1939 sowie die Inschrift “Westfront”.
Die Entstehung dieses Objekts fällt wahrscheinlich in die Periode des sogenannten Sitzkrieges oder “Drôle de guerre”, der von September 1939 bis Mai 1940 andauerte. Nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 und der anschließenden britisch-französischen Kriegserklärung an das Deutsche Reich herrschte an der Westfront eine merkwürdige militärische Stagnation. Deutsche Truppen waren entlang des Westwalls (der sogenannten Siegfried-Linie) positioniert, während französische und britische Streitkräfte hinter der Maginot-Linie verharrten.
Während dieser Monate relativer Untätigkeit, in denen größere Kampfhandlungen weitgehend ausblieben, fanden Soldaten Zeit für handwerkliche Tätigkeiten. Die Tradition der Grabenkunst oder Trench Art, die im Ersten Weltkrieg ihre Blütezeit erlebte, wurde im Zweiten Weltkrieg fortgesetzt, wenn auch in geringerem Umfang. Soldaten schufen aus verfügbaren Materialien Erinnerungsstücke, Gebrauchsgegenstände und dekorative Objekte.
Das Eiserne Kreuz als Motiv hatte eine lange Tradition in der preußisch-deutschen Militärgeschichte. Ursprünglich 1813 von König Friedrich Wilhelm III. während der Befreiungskriege gestiftet, wurde es 1939 von Adolf Hitler durch Erlass vom 1. September erneut als militärische Auszeichnung eingeführt. Die charakteristische Gestaltung mit dem Hakenkreuz im Zentrum und der Jahreszahl 1939 unterschied diese Version von ihren Vorgängern aus den Jahren 1813, 1870 und 1914.
Die Inschrift “Westfront” ist von besonderer historischer Bedeutung. Sie verweist auf die psychologische und strategische Realität der deutschen Kriegsführung 1939/40. Während der Polenfeldzug bereits abgeschlossen war, stand die eigentliche Auseinandersetzung mit den Westmächten noch bevor. Die Bezeichnung “Westfront” evozierte bewusst Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg, als dieser Begriff die zentrale Bedeutung des Stellungskrieges in Frankreich und Belgien beschrieb.
Die Verwendung von Stein als Material ist bemerkenswert und unterscheidet dieses Objekt von der typischeren Grabenkunst aus Metall, insbesondere aus Geschosshülsen, Granatsplittern oder Flugzeugteilen. Stein war ein lokal verfügbares Material, das sich mit einfachen Werkzeugen bearbeiten ließ. Die Bearbeitung erforderte Geduld und handwerkliches Geschick, Eigenschaften, die während der langen Wartephasen des Sitzkrieges reichlich vorhanden waren.
Der Stil “im Stile des 1. Weltkrieges” deutet auf eine bewusste Anlehnung an die künstlerischen Traditionen der Vorgängergeneration hin. Viele Offiziere und Unteroffiziere der Wehrmacht hatten selbst im Ersten Weltkrieg gedient oder kannten die Erzählungen und Artefakte aus dieser Zeit. Diese Kontinuität manifestierte sich in der Ikonographie und den handwerklichen Techniken der Soldatenkunst.
Die historische Einordnung dieses Objekts erfolgt in eine Phase des Krieges, die von Erwartung und Ungewissheit geprägt war. Die deutsche Führung plante den Fall Gelb, den Angriff auf Frankreich und die Benelux-Staaten, der schließlich am 10. Mai 1940 begann. Für die einfachen Soldaten bedeutete der Winter 1939/40 jedoch vor allem Warten, Befestigungsarbeiten und Routinedienst.
Solche Grabenkunst-Objekte dienten mehreren Zwecken: Sie waren Zeitvertreib, künstlerischer Ausdruck, Kameradschaftsgeschenke und Erinnerungsstücke. Nach Kriegsende wurden viele dieser Gegenstände zu historischen Zeugnissen, die die Lebenswirklichkeit der Soldaten dokumentieren – jenseits der offiziellen Kriegsberichte und Propagandamaterialien.
Die Erhaltung solcher Objekte ist von wissenschaftlichem Wert, da sie Einblick in die Materialkultur und das Alltagsleben von Soldaten gewähren. Sie ergänzen das historische Verständnis durch ihre Authentizität und persönliche Dimension, die offizielle Dokumente selten vermitteln können.