Bayern Reservisten-Krug für einen Reservisten im 6. Infanterie-Regiment Kaiser Wilhelm, König von Preußen

Standort Amberg um 1900. 0.5-Liter Porzellan-Krug mit farbigen Darstellungen, mit Bodenbild und Zinndeckel. Zustand 2.
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350,00

Bayern Reservisten-Krug für einen Reservisten im 6. Infanterie-Regiment Kaiser Wilhelm, König von Preußen

Der vorliegende bayerische Reservistenkrug repräsentiert eine bedeutende Tradition der deutschen Militärkultur um die Wende zum 20. Jahrhundert. Dieser 0,5-Liter-Porzellankrug mit farbigen Darstellungen, Bodenbild und Zinndeckel wurde für einen Reservisten des 6. Infanterie-Regiments “Kaiser Wilhelm, König von Preußen” angefertigt, das in Amberg stationiert war.

Das 6. Infanterie-Regiment gehörte zur königlich-bayerischen Armee und trug den Ehrennamen des deutschen Kaisers und preußischen Königs Wilhelm II., was die enge Verbindung zwischen den Königreichen Bayern und Preußen im Deutschen Kaiserreich symbolisierte. Diese Namensgebung war keine Seltenheit, da nach der Reichsgründung 1871 viele bayerische Regimenter preußische Traditionen und Ehrennamen erhielten, während Bayern dennoch seine eigenständige Heeresorganisation beibehielt.

Amberg, die Garnisonsstadt in der Oberpfalz, hatte eine lange militärische Tradition. Die Stadt war strategisch günstig gelegen und beherbergte bedeutende militärische Einrichtungen. Das 6. Infanterie-Regiment war tief in der Region verwurzelt und rekrutierte seine Mannschaften hauptsächlich aus der Oberpfalz und angrenzenden Gebieten.

Die Tradition der Reservistenkrüge entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem festen Bestandteil der deutschen Militärkultur. Nach Ableistung ihrer aktiven Dienstzeit, die in der Regel zwei bis drei Jahre betrug, erhielten Soldaten ihren Abschied und traten in die Reserve über. Dieser Übergang wurde als bedeutsames Ereignis gefeiert, und viele Reservisten ließen sich zur Erinnerung an ihre Dienstzeit einen personalisierten Krug anfertigen.

Die Herstellung solcher Krüge war um 1900 zu einem florierenden Geschäftszweig geworden. Spezialisierte Manufakturen in verschiedenen deutschen Regionen, besonders in Thüringen und Bayern, produzierten diese Erinnerungsstücke. Die Krüge wurden typischerweise aus hochwertigem Porzellan gefertigt und mit aufwendigen, farbigen Lithographien verziert. Der Zinndeckel mit seinem charakteristischen Daumendrücker war nicht nur dekorativ, sondern auch funktional – er hielt das Bier frisch und schützte es vor Verunreinigungen.

Die Dekoration solcher Reservistenkrüge folgte etablierten Mustern: Typischerweise zeigten sie militärische Szenen wie Paraden, Manöver oder Kasernenleben, Regimentswappen, Porträts des Monarchen und patriotische Symbole. Häufig wurden auch persönliche Informationen wie Name, Dienstzeit und Garnisonsort des Reservisten eingefügt. Das Bodenbild, eine Besonderheit vieler hochwertiger Krüge, zeigte oft humorvolle oder sentimentale Motive, die erst beim Austrinken sichtbar wurden.

Diese Krüge waren mehr als bloße Trinkgefäße – sie waren Statussymbole und Ausdruck von Stolz auf die geleistete militärische Pflicht. In einer Zeit, in der der Militärdienst als ehrenvolle Bürgerpflicht galt und hohe gesellschaftliche Anerkennung genoss, dokumentierten diese Krüge die Zugehörigkeit zur militärischen Gemeinschaft. Sie wurden prominent im Haushalt präsentiert, oft in speziellen Vitrinen oder auf Wandborden.

Die Zeit um 1900 war geprägt von einem starken Militarismus im Deutschen Kaiserreich. Kaiser Wilhelm II. förderte aktiv die Verehrung des Militärs, und die Armee genoss in allen Gesellschaftsschichten hohes Ansehen. Veteranen und Reservisten organisierten sich in Kriegervereinigungen, die regelmäßige Treffen abhielten, bei denen solche Krüge selbstverständlich zum Einsatz kamen.

Die bayerische Armee behielt bis zum Ende des Ersten Weltkriegs ihre Eigenständigkeit innerhalb des deutschen Heeres. Sie hatte eigene Uniformen, Rangabzeichen und Traditionen, die sich von der preußischen Armee unterschieden. Dies spiegelt sich auch in der Gestaltung bayerischer Reservistenkrüge wider, die oft bayerische Rautenmuster, das bayerische Staatswappen oder regional spezifische Motive aufwiesen.

Die handwerkliche Qualität dieser Krüge variierte erheblich, abhängig vom Budget des Reservisten. Während einfachere Modelle mit standardisierten Dekoren verfügbar waren, konnten wohlhabendere Veteranen aufwendig gestaltete, individualisierte Stücke in Auftrag geben. Der vorliegende Krug mit seiner farbigen Gestaltung und dem Bodenbild deutet auf ein Stück mittlerer bis gehobener Qualität hin.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Zusammenbruch der Monarchie verlor die Tradition der Reservistenkrüge an Bedeutung. Die Weimarer Republik und später die Bundesrepublik Deutschland entwickelten ein anderes Verhältnis zum Militär. Heute sind diese Krüge begehrte Sammlerstücke, die nicht nur militärhistorisch, sondern auch kunst- und kulturgeschichtlich von Interesse sind. Sie dokumentieren eine vergangene Epoche, ihre gesellschaftlichen Werte und die zentrale Rolle, die das Militär im Deutschen Kaiserreich spielte.