Preußen Waffenrock für einen Gefreiten im Füsilier-Regiment von Gersdorff (Kurhessisches) Nr. 80
Nur ganz selten zu finden.
Der Waffenrock eines Gefreiten des Füsilier-Regiments von Gersdorff (Kurhessisches) Nr. 80 repräsentiert ein bedeutendes Zeugnis der preußischen Militärgeschichte um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert. Dieses Uniformstück vereint die reichen Traditionen der kurhessischen Militärgeschichte mit dem straffen Organisationssystem des Deutschen Kaiserreichs.
Das Füsilier-Regiment von Gersdorff Nr. 80 hatte seinen Garnisonssitz in Wiesbaden und Homburg, zwei bedeutenden Städten im damaligen preußischen Regierungsbezirk Wiesbaden. Das Regiment führte seinen Namen nach dem sächsischen Generalfeldmarschall Gustav Anton von Gersdorff und trug den Zusatz “Kurhessisches” als Erinnerung an die militärischen Traditionen des ehemaligen Kurfürstentums Hessen, das 1866 nach dem Deutschen Krieg von Preußen annektiert worden war.
Die Uniformierung folgte den strengen preußischen Bekleidungsvorschriften, wie sie in den Adjustierungsreglements des Deutschen Heeres festgelegt waren. Der dunkelblaue Rock war charakteristisch für die preußische Infanterie und ging zurück auf Traditionen des 18. Jahrhunderts. Die roten Aufschläge (Kragen, Ärmelaufschläge und Patten) waren das traditionelle Abzeichen der brandenburgisch-preußischen Infanterie und unterschieden diese von anderen Waffengattungen.
Besonders bemerkenswert sind die weißen Litzen auf Kragen und Patten, die ein spezifisches Regimentsabzeichen darstellten. Solche Litzen waren Teil eines komplexen Systems der Regimentskennzeichnung, das es ermöglichte, die Zugehörigkeit eines Soldaten auf den ersten Blick zu erkennen. Die gelben Vorstöße an den Patten ergänzten diese Kennzeichnung.
Die Schulterklappen trugen das in Rot gestickte Chiffre “VFF”, das für “von Füsilier-Regiment” stand, sowie Knöpfe der 3. Kompanie. Das preußische System der Kompaniebezeichnung durch unterschiedliche Knopfanordnungen war ein charakteristisches Merkmal der Organisation. Ein Regiment bestand üblicherweise aus drei Bataillonen zu je vier Kompanien, wobei die 3. Kompanie zum ersten Bataillon gehörte.
Der Rang des Trägers als Gefreiter wird durch spezielle Knöpfe am Kragen angezeigt. Der Gefreite war der niedrigste Unteroffiziersrang bzw. eine Zwischenstufe zwischen Mannschaften und Unteroffizieren. Diesen Rang erreichte ein Soldat typischerweise nach ein bis zwei Jahren treuen Dienstes und guten Leistungen. Der Gefreite hatte bereits gewisse Aufsichtsfunktionen und wurde oft zur Ausbildung jüngerer Rekruten eingesetzt.
Das innenliegende Etikett des Schneiders “Johann Schwengler Wiesbaden” verweist auf die Praxis, dass Uniformstücke häufig von zivilen Schneidern im Garnisonort hergestellt oder zumindest angepasst wurden. Obwohl es staatliche Bekleidungsämter gab, ließen sich Soldaten, besonders Unteroffiziere und Offiziere, ihre Uniformen oft privat anfertigen, um eine bessere Passform und höhere Qualität zu erreichen.
Die Verwendung von schwarzem Seidenfutter deutet auf eine gewisse Qualität hin, obwohl bei Mannschaftsdienstgraden normalerweise einfachere Materialien verwendet wurden. Dies könnte darauf hinweisen, dass der Träger diese Uniform als Ausgehuniform nutzte oder dass es sich um eine private Anschaffung handelte.
Die Messingknöpfe waren standardmäßig bei der preußischen Infanterie. Sie trugen üblicherweise das Regiment-spezifische Emblem oder eine Nummer. Die Pflege dieser Knöpfe gehörte zu den täglichen Pflichten eines Soldaten und war ein wichtiger Bestandteil der militärischen Disziplin.
Das Füsilier-Regiment Nr. 80 gehörte zur XVI. Armee-Korps mit Sitz in Metz (später reorganisiert) und wurde im Rahmen der Heeresreform nach 1866 aufgestellt. Die Tradition der Füsiliere ging auf leichte Infanterieeinheiten des 18. Jahrhunderts zurück, die ursprünglich mit kürzeren Gewehren, den Füsilen, ausgerüstet waren.
Um 1900, der Entstehungszeit dieses Waffenrocks, befand sich das Deutsche Kaiserreich in der Wilhelminischen Ära, einer Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs und militärischen Selbstbewusstseins. Die Armee genoss hohes gesellschaftliches Ansehen, und die Uniform war ein sichtbares Zeichen von Ehre und Status.
Solche Uniformstücke sind heute selten erhalten, da viele im Ersten Weltkrieg weiterverwendet, danach entsorgt oder für andere Zwecke umgearbeitet wurden. Der vorzügliche Erhaltungszustand dieses Waffenrocks macht ihn zu einem besonders wertvollen historischen Dokument, das nicht nur die militärische Mode und Heraldik, sondern auch die handwerklichen Fertigkeiten und die soziale Bedeutung des Militärs im Kaiserreich illustriert.