Das vorliegende Objekt ist ein patriotisches Lesezeichen aus Seide, das während des Ersten Weltkriegs im Deutschen Kaiserreich hergestellt wurde. Es ehrt Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und seinen militärischen Sieg am 29. August 1914 bei den ostpreußischen Städten Gilgenburg und Ortelsburg während der Schlacht bei Tannenberg.
Die Schlacht bei Tannenberg, die vom 26. bis 30. August 1914 stattfand, war eine der bedeutendsten Schlachten des Ersten Weltkriegs an der Ostfront. Unter der Führung von Paul von Hindenburg und seinem Stabschef Erich Ludendorff errang die deutsche 8. Armee einen überwältigenden Sieg über die russische 2. Armee unter General Alexander Samsonow. Die Schlacht endete mit der nahezu vollständigen Vernichtung der russischen Streitkräfte, wobei etwa 92.000 russische Soldaten in Gefangenschaft gerieten. Dieser Sieg verhinderte die drohende russische Invasion Ostpreußens und machte Hindenburg über Nacht zum Nationalhelden des Deutschen Reiches.
Das Lesezeichen gehört zur Kategorie der sogenannten Vivat-Bänder oder Vivat-Souvenirs, die während des Ersten Weltkriegs in großer Zahl produziert wurden. Der Begriff “Vivat” stammt aus dem Lateinischen und bedeutet “er lebe” oder “es lebe”. Diese Objekte waren Teil einer umfassenden patriotischen Heimatfront-Kultur, die darauf abzielte, die Moral der Zivilbevölkerung zu stärken und Unterstützung für die Kriegsanstrengungen zu mobilisieren.
Die Herstellung solcher Seidenbänder hatte eine doppelte Funktion: Einerseits dienten sie der Kriegspropaganda und der Verherrlichung militärischer Erfolge, andererseits waren sie Teil der Kriegswohltätigkeit. Die Erlöse aus dem Verkauf dieser Artikel flossen größtenteils an das Deutsche Rote Kreuz und andere wohltätige Organisationen, die sich um verwundete Soldaten, Kriegswaisen und notleidende Familien kümmerten. Dies ermöglichte es der Zivilbevölkerung, aktiv zur Kriegsanstrengung beizutragen, auch wenn sie nicht an der Front kämpften.
Die Verwendung von Seide als Material war typisch für hochwertigere Vivat-Bänder. Seide ermöglichte detaillierte Drucke und leuchtende Farben, die auch nach Jahren noch ihre Qualität behielten. Die Länge von etwa 39 Zentimetern entspricht dem Standardformat solcher Lesezeichen, die praktisch in Büchern verwendet werden konnten, während sie gleichzeitig als dekoratives und patriotisches Element dienten.
Die Ikonographie dieser Objekte folgte bestimmten Mustern: Typischerweise zeigten sie Porträts von Militärführern, Kaisern oder anderen wichtigen Persönlichkeiten, oft umgeben von patriotischen Symbolen wie dem Eisernen Kreuz, dem preußischen Adler oder der Reichskriegsflagge. Hinzu kamen Inschriften, die den jeweiligen Sieg oder das gefeierte Ereignis dokumentierten.
Die Produktion solcher Patriotika erreichte während des Ersten Weltkriegs industrielle Ausmaße. Zahlreiche Manufakturen, insbesondere in Sachsen und Thüringen, spezialisierten sich auf die Herstellung dieser Artikel. Sie wurden in Geschäften verkauft, auf Märkten angeboten und bei patriotischen Veranstaltungen vertrieben.
Die Verehrung Hindenburgs im Deutschen Reich war außergewöhnlich. Nach Tannenberg wurde er zum Symbol deutscher Militärmacht und Widerstandskraft. Sein kantiges Gesicht und seine markante Erscheinung wurden auf unzähligen Gegenständen verewigt, von Postkarten über Porzellan bis hin zu Denkmälern. Der “Hindenburg-Kult” erreichte solche Dimensionen, dass er 1925 und 1932 zum Reichspräsidenten gewählt wurde.
Aus heutiger Sicht sind solche Objekte wichtige Zeitdokumente, die Einblicke in die Mentalität, Propaganda und Alltagskultur der Kriegsjahre 1914-1918 bieten. Sie dokumentieren, wie Kriege nicht nur an der Front, sondern auch in den Köpfen und Herzen der Zivilbevölkerung geführt wurden. Sammler und Museen bewahren diese Objekte als Teil des kulturellen Erbes, das hilft, die komplexe Geschichte des 20. Jahrhunderts zu verstehen.
Der Erhaltungszustand “2+” deutet darauf hin, dass dieses Exemplar über ein Jahrhundert nach seiner Herstellung noch in gutem bis sehr gutem Zustand ist, was bei Textilien aus dieser Epoche bemerkenswert ist und die Qualität der ursprünglichen Verarbeitung unterstreicht.