Ehrenschale aus Meißner Porzellan des "Königlich Sächsischen Schützen Regiments Nr. 108"
Die hier beschriebene Ehrenschale aus Meißner Porzellan repräsentiert ein bedeutendes Zeugnis der militärischen Tradition des Königlich Sächsischen Schützen-Regiments Nr. 108, einer Einheit, die im komplexen System der deutschen Bundesstaaten des Kaiserreichs eine wichtige Rolle spielte.
Das Königlich Sächsische Schützen-Regiment Nr. 108 wurde am 1. Oktober 1897 durch die Umbenennung des bisherigen 10. Königlich Sächsischen Infanterie-Regiments Nr. 134 geschaffen. Diese Umwandlung war Teil einer umfassenden Reorganisation der sächsischen Streitkräfte innerhalb des deutschen Heeres. Das Regiment hatte seinen Garnisonsstandort in Bautzen und gehörte zur XII. (1. Königlich Sächsischen) Armee-Korps. Die Bezeichnung “Schützen-Regiment” verwies auf die besondere Ausbildung und Verwendung der Einheit, die traditionell mit leichter Infanterie und Scharfschützen assoziiert wurde.
Die vorliegende Ehrenschale aus der Königlichen Porzellan-Manufaktur Meißen verkörpert die enge Verbindung zwischen sächsischer Handwerkskunst und militärischer Tradition. Die Meißner Manufaktur, gegründet 1710 als erste europäische Porzellanmanufaktur, genoss im gesamten deutschen Reich höchstes Ansehen. Die Verwendung von Meißner Porzellan für militärische Ehrengeschenke unterstreicht die Wertschätzung, die solchen Objekten beigemessen wurde.
Das Dekor der Schale ist reich an Symbolik: Im Zentrum findet sich die sächsische Krone über zwei Tschakos, den charakteristischen militärischen Kopfbedeckungen des 19. Jahrhunderts. Diese Tschakos waren typisch für sächsische Infanterie- und Schützenregimenter und wurden bis zur Einführung der Pickelhauben weiterhin als Distinktionsmerkmal verwendet. Das sächsische Wappen am unteren Rand der Schale betont die Zugehörigkeit zur sächsischen Armee, die trotz der Integration in das deutsche Heer ihre eigene Identität bewahrte.
Die Schwertermarke auf der Rückseite ist das berühmte Markenzeichen der Meißner Manufaktur, bestehend aus zwei gekreuzten Schwertern. Diese Marke wurde seit 1722 verwendet und garantierte die Authentizität und Qualität des Porzellans. Die begleitende Nummer diente der internen Identifikation und Katalogisierung.
Solche Ehrenschalen wurden zu verschiedenen Anlässen verliehen: bei Jubiläen, besonderen Verdiensten, dem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst oder als Erinnerung an gemeinsame Manöver und Übungen. Sie waren Ausdruck der Kameradschaft und des Korpsgeistes, der die preußisch-deutschen Streitkräfte prägte. Die originale Aufhängung deutet darauf hin, dass die Schale zur Präsentation an der Wand bestimmt war, wo sie als ständige Erinnerung an die militärische Laufbahn diente.
Das Regiment Nr. 108 nahm am Ersten Weltkrieg teil und wurde an verschiedenen Fronten eingesetzt. Wie die meisten sächsischen Einheiten kämpfte es zunächst an der Westfront, unter anderem in Belgien und Frankreich. Die sächsischen Truppen galten als zuverlässig und gut ausgebildet, litten jedoch wie alle Einheiten unter den verheerenden Materialschlachten des Krieges.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Novemberrevolution 1918 wurden die alten Regimenter aufgelöst. Die Reichswehr der Weimarer Republik brach bewusst mit den alten Traditionen der Bundesstaaten. Objekte wie diese Ehrenschale gewannen dadurch einen besonderen Erinnerungswert für die ehemaligen Angehörigen und deren Familien.
Das grüne Dekor unter Glasur ist technisch bemerkenswert, da Unterglasurfarben bei hohen Temperaturen gebrannt werden mussten und besondere Fertigkeiten erforderten. Die grüne Farbe hatte in der sächsischen Armee traditionelle Bedeutung und wurde bei verschiedenen Waffengattungen als Abzeichenfarbe verwendet. Der Durchmesser von etwa 25 Zentimetern macht die Schale zu einem repräsentativen, aber nicht übermäßig großen Erinnerungsstück.
Im Kontext der militärischen Sachkultur des Kaiserreichs nehmen solche Porzellanobjekte eine wichtige Stellung ein. Sie verbinden künstlerisches Handwerk mit militärischer Symbolik und dokumentieren die gesellschaftliche Bedeutung des Militärs im wilhelminischen Deutschland. Für Sammler und Historiker sind sie wertvolle Quellen zur Erforschung der Militärgeschichte, der Uniformkunde und der regionalen Identitäten innerhalb des deutschen Kaiserreichs.