Reichswerke AG "Hermann Göring" - Gefolgschaftsabzeichen
Das Gefolgschaftsabzeichen der Reichswerke AG Hermann Göring repräsentiert ein faszinierendes Kapitel der deutschen Wirtschafts- und Industriegeschichte während des Nationalsozialismus. Diese Abzeichen wurden an Mitarbeiter des riesigen Industriekonglomerats verliehen, das zu den größten Wirtschaftsunternehmen im Dritten Reich zählte.
Die Reichswerke AG für Erzbergbau und Eisenhütten Hermann Göring wurden am 15. Juli 1937 offiziell gegründet, benannt nach dem damaligen Beauftragten für den Vierjahresplan, Reichsmarschall Hermann Göring. Der Konzern entstand aus wirtschaftspolitischen und rüstungstechnischen Überlegungen, insbesondere zur Erschließung der niedrigsächsischen Eisenerzlagerstätten bei Salzgitter, die von der privaten Stahlindustrie als unwirtschaftlich abgelehnt worden waren.
Das Unternehmen entwickelte sich rasch zu einem der größten Industriekonzerne Europas. Bis 1939 beschäftigten die Reichswerke bereits über 100.000 Mitarbeiter, und während des Zweiten Weltkrieges wuchs die Belegschaft durch Expansion und die Übernahme von Betrieben in besetzten Gebieten auf etwa 600.000 bis 700.000 Menschen an. Der Konzern umfasste Bergwerke, Hüttenwerke, Maschinenfabriken, Werften und zahlreiche andere Industriebetriebe.
Die Gefolgschaftsabzeichen waren Teil der nationalsozialistischen Betriebskultur und dienten der Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen. Der Begriff "Gefolgschaft" selbst war charakteristisch für die NS-Terminologie und ersetzte bewusst das Wort "Belegschaft", um die ideologische Ausrichtung der Arbeitsbeziehungen zu unterstreichen. Diese Abzeichen wurden typischerweise für langjährige Betriebszugehörigkeit oder besondere Leistungen verliehen.
Das Design solcher Abzeichen folgte meist einheitlichen Gestaltungsprinzipien der Zeit: Sie zeigten häufig das Firmenlogo, nationalsozialistische Symbolik und waren aus verschiedenen Materialien wie Bronze, Silber oder emaillierten Metallen gefertigt. Die Reichswerke verwendeten in ihrer Symbolik oft stilisierte Zahnräder, Ambosse oder andere industrielle Motive, kombiniert mit dem Reichsadler.
Die wirtschaftliche Bedeutung der Reichswerke für die deutsche Rüstungsindustrie kann kaum überschätzt werden. Das Unternehmen war zentral für die Autarkiebestrebungen des NS-Regimes und die Vorbereitung auf den Krieg. Nach dem Überfall auf Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges expandierte der Konzern massiv in die besetzten Gebiete, insbesondere nach Österreich, in die Tschechoslowakei und nach Polen.
Ein dunkles Kapitel der Unternehmensgeschichte war der massive Einsatz von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen. Während des Krieges wurden Zehntausende von Menschen unter unmenschlichen Bedingungen zur Arbeit gezwungen. Die Reichswerke waren damit direkt in die Verbrechen des NS-Regimes eingebunden.
Nach Kriegsende wurde der Konzern von den Alliierten aufgelöst. Die Anlagen in der britischen Besatzungszone bildeten teilweise die Grundlage für die spätere Salzgitter AG. Die Betriebe in anderen Besatzungszonen wurden ebenfalls zerschlagen oder in neue Strukturen überführt.
Aus sammlungshistorischer Perspektive sind Gefolgschaftsabzeichen der Reichswerke heute gesuchte Objekte der Industrie- und Zeitgeschichte. Sie dokumentieren nicht nur die Unternehmensgeschichte, sondern auch die Verflechtung von Wirtschaft, Ideologie und Propaganda im Nationalsozialismus. Die Katalogisierung solcher Objekte, wie sie etwa in Hubert Klietmanns Standardwerk über deutsche Auszeichnungen erfolgt, hilft bei der wissenschaftlichen Einordnung und Bewertung.
Die Beschäftigung mit solchen historischen Objekten erfordert einen sensiblen und kritischen Umgang. Sie sind Zeugnisse einer Zeit, in der industrielle Leistung und verbrecherische Politik untrennbar miteinander verbunden waren. Ihre Bewahrung und wissenschaftliche Aufarbeitung dient der historischen Bildung und der Erinnerung an die Opfer des NS-Regimes.