Stollwerck Sammel-Album No. 11. Das Tier im Dienste des Menschen. Serie 452 - 475
Stollwerck Sammel-Album Nr. 11: Das Tier im Dienste des Menschen - Ein kulturhistorisches Zeugnis der Kaiserzeit
Das vorliegende Stollwerck Sammel-Album Nr. 11 mit dem Titel “Das Tier im Dienste des Menschen” stellt ein faszinierendes Beispiel der populären Sammelbildkultur dar, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in Deutschland ihre Blütezeit erlebte. Die Serien 452-475 dokumentieren in 24 vollständigen Bilderserien die vielfältige Rolle von Tieren in der menschlichen Zivilisation, wobei militärische Aspekte eine bedeutende Rolle spielten.
Die Firma Stollwerck, gegründet 1839 in Köln von Franz Stollwerck, entwickelte sich zu einem der führenden Schokoladenhersteller im Deutschen Kaiserreich. Um 1840 begann das Unternehmen, seine Produkte durch Sammelbilder zu bewerben - eine innovative Marketingstrategie, die enormen Erfolg hatte. Die Sammelbilder wurden den Schokoladenprodukten beigelegt und motivierten Kunden, insbesondere Kinder und Jugendliche, zum wiederholten Kauf, um ihre Alben zu vervollständigen.
Das Sammel-Album Nr. 11 erschien wahrscheinlich zwischen 1900 und 1914, in einer Periode, die durch zunehmendes nationales Bewusstsein und militärische Aufrüstung gekennzeichnet war. Die thematische Ausrichtung “Das Tier im Dienste des Menschen” spiegelt die damalige Weltanschauung wider, die den Menschen als Herrscher über die Natur betrachtete und die praktische Nutzung von Tieren als selbstverständlich ansah.
In militärhistorischer Hinsicht ist dieses Album besonders aufschlussreich, da es die zentrale Rolle von Tieren im Militärwesen dokumentierte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Tiere im Kriegsdienst unverzichtbar: Pferde dienten als Reit- und Zugtiere für Kavallerie und Artillerie, Maultiere und Esel transportierten Lasten in schwierigem Gelände, Hunde wurden als Meldegänger und Sanitätshunde eingesetzt, und selbst Brieftauben spielten in der militärischen Kommunikation eine wichtige Rolle.
Die Preußische Armee und andere deutsche Streitkräfte unterhielten umfangreiche Veterinärdienste und Pferdebestände. Vor dem Ersten Weltkrieg verfügte das Deutsche Heer über mehrere hunderttausend Dienstpferde, und die Remontierung - die Beschaffung und Ausbildung von Militärpferden - war ein zentraler Aspekt der Kriegsvorbereitung. Die Darstellung dieser Tiere in Sammelalben trug zur Popularisierung und Romantisierung des Militärwesens bei.
Die farbige Illustration der Sammelbilder erfolgte mittels Chromolithographie, eines aufwendigen Druckverfahrens, das brillante Farben ermöglichte. Jedes Bild wurde sorgfältig gestaltet und oft von bekannten Illustratoren der Zeit entworfen. Die Bilder waren nicht nur Werbemittel, sondern auch Bildungsinstrumente, die Kindern Wissen über Natur, Technik, Geschichte und eben auch militärische Themen vermittelten.
Der Halbleineneinband des Albums war typisch für diese Zeit und bot ausreichenden Schutz für die eingeklebten Bilder. Die Alben wurden mit Sorgfalt geführt, wie das Inhaltsverzeichnis und die systematische Anordnung belegen. Das Sammeln und Ordnen förderte bei Kindern Systematik, Geduld und Durchhaltevermögen - Tugenden, die in der wilhelminischen Gesellschaft hoch geschätzt wurden.
Die Serie 452-475 umfasste wahrscheinlich 24 verschiedene Themenbereiche innerhalb des Gesamtthemas. Neben militärischen Aspekten wurden sicherlich auch landwirtschaftliche Nutztiere, Arbeitstiere in Industrie und Handel, sowie exotische Tiere in verschiedenen Kulturen dargestellt. Diese enzyklopädische Herangehensweise entsprach dem Bildungsideal der Zeit.
Aus kulturhistorischer Perspektive dokumentieren solche Sammelalben die Mentalitätsgeschichte der wilhelminischen Ära. Die Betonung von Ordnung, Vollständigkeit und systematischem Sammeln spiegelte gesellschaftliche Werte wider. Die Darstellung von Tieren im Dienst des Menschen zeigt eine anthropozentrische Weltsicht, die heute kritisch hinterfragt wird, damals aber selbstverständlich war.
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 erhielten solche Darstellungen eine tragische Aktualität. Millionen von Tieren, besonders Pferde, wurden in den Krieg geschickt und starben unter schrecklichen Bedingungen. Die romantisierte Darstellung in Sammelalben stand in scharfem Kontrast zur brutalen Realität der industrialisierten Kriegsführung.
Heute sind vollständige Stollwerck-Sammelalben gesuchte Sammlerstücke, die nicht nur wegen ihres ästhetischen Reizes, sondern auch als historische Quellen geschätzt werden. Sie bieten Einblicke in die Populärkultur, Werbestrategien, Drucktechnik und gesellschaftliche Wertvorstellungen ihrer Zeit. Der gute Erhaltungszustand (Zustand 2) macht dieses Exemplar besonders wertvoll für Sammler und Forscher.