Kreissieger im Reichsberufswettkampf 1939
Das Kreissieger-Abzeichen im Reichsberufswettkampf 1939 stellt ein bedeutendes Zeugnis der nationalsozialistischen Jugendorganisation und ihrer Bemühungen dar, die berufliche Ausbildung mit ideologischer Erziehung zu verbinden. Dieses Abzeichen wurde an Jugendliche verliehen, die sich auf Kreisebene im Reichsberufswettkampf (RBW) als Sieger hervorgetan hatten.
Der Reichsberufswettkampf wurde 1934 von der Deutschen Arbeitsfront (DAF) in Zusammenarbeit mit der Hitlerjugend (HJ) ins Leben gerufen. Diese jährlich stattfindende Veranstaltung sollte die berufliche Leistungsfähigkeit der deutschen Jugend fördern und gleichzeitig den nationalsozialistischen Leistungsgedanken in den Vordergrund stellen. Der Wettkampf umfasste theoretische und praktische Prüfungen in verschiedenen Berufsfeldern, von Handwerk über Industrie bis hin zu kaufmännischen Berufen.
Das vorliegende Exemplar aus dem Jahr 1939 markiert einen besonders bedeutsamen Zeitpunkt in der Geschichte des Dritten Reiches. Im Jahr des Kriegsbeginns hatte der Reichsberufswettkampf bereits eine fünfjährige Tradition etabliert und war zu einem festen Bestandteil der nationalsozialistischen Jugenderziehung geworden. Die Teilnehmerzahlen waren stetig gewachsen, und 1939 nahmen mehrere Millionen Jugendliche an den verschiedenen Ebenen des Wettkampfs teil.
Die Hierarchie des Reichsberufswettkampfs gliederte sich in mehrere Stufen: Beginnend mit Betriebswettkämpfen, über Ortsgruppensieger, Kreissieger, Gausieger bis hin zu den Reichssiegern. Das hier beschriebene Abzeichen würdigt einen Sieg auf Kreisebene, was eine beachtliche Leistung darstellte, da auf dieser Ebene bereits eine erhebliche Vorauswahl stattgefunden hatte.
Die materielle Gestaltung des Abzeichens ist charakteristisch für die Zeit: Es wurde aus Buntmetall gefertigt und teilweise emailliert. Diese Fertigungstechnik war typisch für Auszeichnungen der NS-Zeit, die einerseits repräsentativ wirken sollten, andererseits aber aufgrund der großen Stückzahlen nicht aus wertvollen Materialien hergestellt werden konnten. Die Emaillierung verlieh den Abzeichen ihre charakteristische farbige Gestaltung, insbesondere beim HJ-Emblem, das in der Regel die typischen Farben der Organisation – rot, weiß und schwarz – aufwies.
Der auf der Rückseite vermerkte Hersteller “A.G. Tham Gablonz” gibt Aufschluss über die Produktionsstätte. Gablonz an der Neiße (heute Jablonec nad Nisou in Tschechien) war ein traditionelles Zentrum der Schmuck- und Bijouterieindustrie. Nach der Annexion des Sudetenlandes 1938 wurden die dortigen Manufakturen verstärkt für die Herstellung von Orden, Ehrenzeichen und Abzeichen des Deutschen Reiches herangezogen. Die Firma Tham gehörte zu den etablierten Herstellern solcher Auszeichnungen.
Der Erhaltungszustand des vorliegenden Stücks – “deutlich getragen” mit beschädigter Emaille am HJ-Emblem – ist historisch aussagekräftig. Er belegt, dass das Abzeichen tatsächlich von seinem Träger über einen längeren Zeitraum getragen wurde, was auf die Bedeutung hinweist, die der Auszeichnung beigemessen wurde. Viele junge Menschen empfanden den Gewinn eines solchen Abzeichens als Ehre und trugen es mit Stolz an ihrer HJ-Uniform oder Zivilkleidung.
Der historische Kontext von 1939 ist von besonderer Bedeutung: Es war das letzte Jahr, in dem der Reichsberufswettkampf noch unter weitgehend normalen Bedingungen stattfinden konnte. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 veränderten sich die Rahmenbedingungen fundamental. Viele der älteren Teilnehmer wurden bald darauf zur Wehrmacht eingezogen, und die berufliche Ausbildung wurde zunehmend auf kriegswichtige Bereiche konzentriert.
Die ideologische Dimension des Reichsberufswettkampfs darf nicht übersehen werden. Die Veranstaltung diente nicht nur der Förderung beruflicher Fähigkeiten, sondern war fest in die nationalsozialistische Weltanschauung eingebettet. Neben den fachlichen Prüfungen wurden auch “weltanschauliche Schulung” und körperliche Leistungsfähigkeit bewertet. Der Wettkampf sollte den “Gemeinschaftsgeist” stärken und die Jugend auf ihre zukünftigen Aufgaben in Wirtschaft und Gesellschaft – und letztlich auch im Krieg – vorbereiten.
Heute sind solche Abzeichen wichtige historische Quellen, die Einblick in die Alltagsgeschichte des Nationalsozialismus geben. Sie dokumentieren die umfassenden Bemühungen des Regimes, alle Lebensbereiche – einschließlich der beruflichen Ausbildung – zu durchdringen und für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Gleichzeitig zeigen sie die Realität jugendlicher Lebenswelten in dieser Zeit, in der viele junge Menschen durchaus mit Eifer an solchen Wettkämpfen teilnahmen, ohne notwendigerweise die volle Tragweite der ideologischen Vereinnahmung zu erfassen.