NSDAP große Kreisfahne des Kreises "Lohr-Gemünden"

um 1934. Große genähte Fahne aus rotem Flaggentuch mit umlaufenden Silberfransen. Die beidseitigen Spiegel für den Kreis aus braunem Samt mit schwarzer Umrandung, der Schriftzug "Lohr-Gemünden" in weißer Kurbelstickerei. Die Farbe des Spiegels und der schwarzen Umrandung entspricht dem Zeitraum von 1934-1936. 6 eingenähte vernickelte Fahnenringe (ein Ring fehlt ganz oben). Deutliche Alters- und Gebrauchsspuren, einige Mottenlöcher und kleine Beschädigungen, Maße ca. 118 x 135, Zustand 2-3.
Während Ortsgruppenfahnen immer wieder auftauchen, so sind Kreisfahnen allerdings sehr selten, wahrscheinlich wurden sie nur bis 1936 ausgegeben. Das 1. Stück, welches wir anbieten können. 

Gemünden am Main ist eine Stadt im unterfränkischen Landkreis Main-Spessart.
414307
2.500,00

NSDAP große Kreisfahne des Kreises "Lohr-Gemünden"

Die hier beschriebene NSDAP-Kreisfahne des Kreises Lohr-Gemünden stellt ein bedeutsames Zeugnis der organisatorischen Struktur und visuellen Symbolik der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei in der Frühphase des Dritten Reiches dar. Solche Kreisfahnen gehören zu den seltensten Artefakten dieser Periode, da sie nur in begrenzter Anzahl hergestellt und ausgegeben wurden.

Die administrative Gliederung der NSDAP folgte einem hierarchischen System, das sich von der Ortsgruppe über den Kreis bis zur Gau-Ebene erstreckte. Der Kreis (manchmal auch als Kreisleitung bezeichnet) bildete eine mittlere Verwaltungsebene und umfasste mehrere Ortsgruppen. Die Kreisleitung war für die Koordination der Parteiaktivitäten in einem definierten geografischen Gebiet verantwortlich. Der Kreis Lohr-Gemünden befand sich in Unterfranken, einer Region Bayerns, die zum Gau Mainfranken gehörte.

Die Datierung dieser Fahne auf circa 1934 lässt sich anhand mehrerer charakteristischer Merkmale nachvollziehen. Besonders aufschlussreich ist die Farbgebung des Spiegels aus braunem Samt mit schwarzer Umrandung, die laut historischen Quellen für den Zeitraum von 1934 bis 1936 typisch war. Nach 1936 wurden die Gestaltungsrichtlinien für Parteifahnen erneut modifiziert, was die Produktion von Kreisfahnen in dieser Form offenbar einstellte oder stark reduzierte. Dies erklärt auch die außerordentliche Seltenheit solcher Objekte im Vergleich zu den wesentlich häufiger anzutreffenden Ortsgruppenfahnen.

Die technische Ausführung der Fahne entspricht den hohen handwerklichen Standards, die für offizielle NSDAP-Fahnen galten. Das rote Flaggentuch bildete die Grundfarbe der Partei und symbolisierte die vermeintlich revolutionären Ansprüche der Bewegung. Die umlaufenden Silberfransen waren ein typisches Ausstattungsmerkmal repräsentativer Fahnen und verliehen diesen bei offiziellen Anlässen einen würdevollen Charakter. Die beidseitigen Spiegel aus braunem Samt, verziert mit Kurbelstickerei in weißer Farbe, zeigen den Schriftzug “Lohr-Gemünden” und identifizieren damit eindeutig die geografische Zuständigkeit.

Die Kurbelstickerei war eine maschinelle Sticktechnik, die präzise und gleichmäßige Ergebnisse ermöglichte. Sie wurde häufig für offizielle Insignien und Fahnen verwendet, da sie eine kostengünstigere Alternative zur reinen Handarbeit darstellte, ohne dabei an visueller Wirkung einzubüßen. Die sechs eingenähten vernickelten Fahnenringe dienten der Befestigung an der Fahnenstange und ermöglichten das vertikale Hissen der Fahne bei Aufmärschen, Kundgebungen und anderen Parteiveranstaltungen.

Die Region Lohr am Main und Gemünden am Main im heutigen Landkreis Main-Spessart waren in den 1930er Jahren Teil der intensiven Durchdringung aller gesellschaftlichen Bereiche durch die NSDAP. Kreisfahnen wie diese wurden bei allen wichtigen Parteiveranstaltungen gezeigt und dienten als sichtbares Zeichen der lokalen Parteiorganisation. Sie wurden bei Aufmärschen, Parteiversammlungen, Gedenkfeiern und anderen propagandistischen Events eingesetzt, wo sie zusammen mit anderen Fahnen und Symbolen eine choreografierte Machtdemonstration bildeten.

Die erkennbaren Gebrauchsspuren, Mottenlöcher und kleinen Beschädigungen zeugen von der tatsächlichen Verwendung dieser Fahne. Im Gegensatz zu fabrikneuen oder nie verwendeten Stücken belegen diese Spuren die authentische historische Nutzung. Mottenschäden sind typisch für Textilien, die über Jahrzehnte gelagert wurden, insbesondere wenn sie aus natürlichen Materialien wie Wolle (Samt) bestehen. Der dokumentierte Verlust eines Fahnenrings oben deutet auf mechanische Beanspruchung während des Gebrauchs hin.

Die Seltenheit von Kreisfahnen im Vergleich zu Ortsgruppenfahnen hat mehrere Ursachen. Erstens gab es wesentlich weniger Kreisleitungen als Ortsgruppen, was bereits die Produktionszahl limitierte. Zweitens scheint die Ausgabe von Kreisfahnen nur in einem begrenzten Zeitfenster, vermutlich zwischen 1933 und 1936, erfolgt zu sein. Nach 1936 könnten organisatorische Umstrukturierungen oder geänderte Richtlinien zur Einstellung dieser Praxis geführt haben. Drittens wurden viele solcher Objekte nach 1945 gezielt vernichtet, entweder durch die Alliierten im Rahmen der Entnazifizierung oder durch die Bevölkerung selbst, um eine Assoziation mit dem Regime zu vermeiden.

Aus historischer Perspektive dokumentieren solche Fahnen die systematische visuelle Propaganda und organisatorische Durchdringung des Deutschen Reiches durch die NSDAP. Sie sind materielle Zeugnisse eines totalitären Systems, das jeden Aspekt des öffentlichen Lebens mit seiner Symbolik durchsetzte. Für die militärhistorische und zeitgeschichtliche Forschung sind sie wichtige Primärquellen zur Untersuchung von Propaganda, Organisationsstrukturen und regionaler Parteigeschichte.