Deutsches Reich ,Deutscher Fechtverein. Großes Ehrenkreuz des Bezirksvorstand für den Vorsitzenden und Fechtvater Nadermann, Berlin 1883
Siehe IMM 21/2002 Seite 39/40.
Das Große Ehrenkreuz des Deutschen Fechtvereins aus dem Jahr 1883 repräsentiert eine faszinierende Facette der deutschen Vereinskultur des Kaiserreichs, die weit über den sportlichen Aspekt des Fechtens hinausging. Dieses außergewöhnliche Stück dokumentiert die bedeutende Rolle, die Fechtvereine im gesellschaftlichen und kulturellen Leben des späten 19. Jahrhunderts spielten.
Die deutsche Fechtbewegung erlebte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen bemerkenswerten Aufschwung. Nach der Reichsgründung 1871 entwickelte sich das Fechten von einer rein militärischen Ausbildungsdisziplin zu einem angesehenen bürgerlichen Sport. Fechtvereine entstanden in allen größeren deutschen Städten und organisierten sich zunehmend in regionalen und überregionalen Verbänden. Berlin als Reichshauptstadt nahm dabei eine führende Rolle ein.
Der Fechtvater war eine zentrale Figur in der Vereinsstruktur des 19. Jahrhunderts. Diese Bezeichnung ging auf die traditionelle Hierarchie der studentischen Fechtverbindungen zurück und wurde auch in bürgerlichen Fechtvereinen übernommen. Der Fechtvater war nicht nur technischer Ausbilder, sondern auch moralische Autorität und Repräsentant des Vereins. Er vermittelte nicht nur die Kunst des Fechtens, sondern auch die damit verbundenen Ehrenkodizes und gesellschaftlichen Werte.
Die Verleihung eines derartigen Ehrenkreuzes im Jahr 1883 erfolgte zu einem Zeitpunkt, als die deutsche Vereinskultur ihre Blütezeit erlebte. Die aufwendige Gestaltung mit vergoldeter Bronze, rubinroten Glasflüssen und einem Porzellanmedaillon zeigt die hohe Wertschätzung, die dem Geehrten entgegengebracht wurde. Die Kombination von Reichsadler und Berliner Bär auf dem Medaillon verdeutlicht die Verbindung zwischen lokaler Berliner Identität und nationalem Selbstverständnis im jungen Deutschen Reich.
Die deutsche Kaiserkrone mit gekreuzten Schwertern als Aufhängung des Kreuzes ist symbolträchtig. Sie verweist auf die Verbindung zwischen der monarchischen Staatsform, militärischen Traditionen und dem bürgerlichen Vereinswesen. Diese Ikonographie war typisch für Auszeichnungen der wilhelminischen Ära, in der militärische Tugenden und Symbole auch im zivilen Bereich hoch geschätzt wurden.
Das Jahr 1883 war für das Deutsche Reich eine Zeit der Konsolidierung. Unter Reichskanzler Bismarck hatte sich das junge Kaiserreich etabliert, und die Sozialgesetzgebung wurde vorangetrieben. In dieser Periode blühte auch das Vereinswesen auf, das als wichtiger Faktor der gesellschaftlichen Integration und bürgerlichen Selbstorganisation galt. Vereine waren Orte der Geselligkeit, aber auch der Pflege nationaler Identität und körperlicher Ertüchtigung.
Die Verleihungsgravur dokumentiert, dass das Kreuz vom Verband und den Bezirksvorständen des Verbandes Berlin verliehen wurde. Dies zeigt die komplexe Organisationsstruktur der deutschen Fechtbewegung, die sich in lokalen Vereinen, Bezirksverbänden und überregionalen Dachorganisationen gliederte. Die kollektive Verleihung unterstreicht die besondere Bedeutung des Geehrten für die gesamte Organisation.
Die materielle Ausführung des Kreuzes entspricht den höchsten Standards der zeitgenössischen Goldschmiedekunst. Die Verwendung von Porzellan für das Medaillon war eine besondere Spezialität deutscher Manufakturen und verweist auf die enge Verbindung zwischen Kunsthandwerk und Vereinskultur. Das aufwendige Originaletui, in dem das Kreuz aufbewahrt wurde, unterstreicht seinen Charakter als kostbares Erinnerungsstück.
Derartige Vereinsauszeichnungen waren im Kaiserreich keine staatlichen Orden, hatten aber dennoch erhebliche gesellschaftliche Bedeutung. Sie dokumentierten soziales Prestige, Engagement und die Einbindung in bürgerliche Netzwerke. Für die Träger waren sie Ausdruck ihrer gesellschaftlichen Stellung und ihres Beitrags zur Gemeinschaft.
Die Erhaltung dieses Stücks in seinem Originalzustand mit minimalem Gebrauchsspuren ist bemerkenswert und spricht dafür, dass es als wertvolles Andenken sorgsam bewahrt wurde. Solche Objekte sind heute wichtige Quellen für die Erforschung der Alltagskultur, des Vereinswesens und der gesellschaftlichen Strukturen des Deutschen Kaiserreichs. Sie ergänzen die offizielle Geschichte um die Dimension des bürgerlichen Lebens und der lokalen Organisationen, die das Rückgrat der wilhelminischen Gesellschaft bildeten.