III. Reich - Das Deutsche Führerlexikon 1934/1935 ( 1700 Biographien )
Das Deutsche Führerlexikon 1934/1935: Ein Dokument der NS-Propaganda und Machtkonsolidierung
Das Deutsche Führerlexikon von 1934/1935, herausgegeben vom Verlag Stollberg in Berlin, stellt ein bedeutendes zeitgeschichtliches Dokument aus der Frühphase des nationalsozialistischen Regimes dar. Mit seinen rund 1700 Biographien und über 700 Seiten Umfang dokumentiert dieses Nachschlagewerk die personelle Struktur der NS-Führungselite nur anderthalb Jahre nach der sogenannten Machtergreifung im Januar 1933.
Historischer Kontext und Entstehung
Die Veröffentlichung des Führerlexikons fällt in eine entscheidende Phase der nationalsozialistischen Herrschaft. Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 vollzog sich die sogenannte Gleichschaltung aller gesellschaftlichen Bereiche mit bemerkenswerter Geschwindigkeit. Das Jahr 1934 markierte dabei einen Wendepunkt: Die Ausschaltung der SA-Führung während der “Röhm-Affäre” am 30. Juni 1934 und der Tod Reichspräsident Paul von Hindenburgs am 2. August 1934 ermöglichten Hitler die Vereinigung der Ämter des Reichskanzlers und Reichspräsidenten.
In diesem Kontext diente das Führerlexikon mehreren Zwecken: Es sollte die neue Elite des Dritten Reiches dokumentieren, legitimieren und einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machen. Die Zusammenstellung von 1700 Biographien zeigt das Ausmaß der personellen Umwälzungen in Staat, Partei, Wirtschaft und Gesellschaft.
Inhalt und Struktur
Das Werk präsentiert biographische Einträge zu Führungspersönlichkeiten aus verschiedenen Bereichen: NSDAP-Funktionäre, Reichs- und Landesminister, hohe Beamte, Militärs, Wirtschaftsführer sowie Personen aus Wissenschaft und Kultur, die sich dem Regime angedient hatten oder von ihm kooptiert wurden. Die Biographien waren mit Photographien illustriert und folgten einem standardisierten Schema: Geburtsdatum und -ort, beruflicher Werdegang, Parteieintritt, aktuelle Position und besondere Verdienste um die “nationale Bewegung”.
Die 552 Seiten des Hauptteils enthielten die alphabetisch geordneten Biographien, ergänzt durch 148 Seiten zusätzliches Material, vermutlich Register, Organisationsübersichten oder ergänzende Dokumentation. Die Auswahl der Personen reflektierte die Machtverhältnisse und Prioritäten des Regimes im Jahr 1934.
Propagandistische Funktion
Das Führerlexikon war ein Instrument der nationalsozialistischen Propaganda. Es sollte den Eindruck einer kompetenten, erfahrenen Führungsschicht vermitteln und gleichzeitig die angebliche “Volksverbundenheit” der neuen Elite demonstrieren. Viele Biographien betonten die Teilnahme am Ersten Weltkrieg, frühe Parteimitgliedschaft und Opfer für die “Bewegung” während der Weimarer Republik.
Das Werk diente auch der Selbstdarstellung der NSDAP als moderne, organisierte Kraft. Die systematische Erfassung und Präsentation der Führungskader sollte Ordnung, Kompetenz und Legitimität suggerieren – eine wichtige Botschaft in der noch instabilen Anfangsphase des Regimes.
Verlag und Verbreitung
Die Verlagsanstalt Stollberg in Berlin gehörte zu jenen Verlagen, die sich dem neuen Regime anpassten oder bereits zuvor nationalsozialistisches Gedankengut verbreitet hatten. Nach 1933 etablierte sich ein komplexes System von Verlagshäusern, die offizielle und halboffizielle NS-Literatur produzierten. Das Führerlexikon war als repräsentatives Nachschlagewerk konzipiert und richtete sich an Behörden, Parteistellen, Bibliotheken sowie an das gebildete Bürgertum.
Historische Bedeutung heute
Aus heutiger Sicht besitzt das Deutsche Führerlexikon 1934/1935 erheblichen quellenkritischen Wert für die historische Forschung. Es dokumentiert:
1. Die personelle Zusammensetzung der NS-Elite in der Frühphase des Regimes
2. Die propagandistische Selbstdarstellung der Machthaber
3. Die Netzwerke und Karrierewege innerhalb des Systems
4. Den Prozess der Elitentransformation nach 1933
Historiker nutzen solche Quellen, um die Strukturen des NS-Staates zu analysieren, prosopographische Studien durchzuführen und die Kontinuitäten sowie Brüche in den deutschen Eliten zu untersuchen. Gleichzeitig mahnt das Werk zur Vorsicht: Die Biographien sind propagandistisch gefärbt, beschönigen problematische Aspekte und verschweigen unbequeme Wahrheiten.
Materielle Beschaffenheit
Die typische Ausführung als Ganzleineneinband entsprach dem Anspruch eines repräsentativen Nachschlagewerks. Die solide Bindung sollte intensive Nutzung ermöglichen, weshalb viele erhaltene Exemplare – wie das beschriebene – Gebrauchsspuren aufweisen. Aufgeplatzte Rücken sind bei Büchern dieser Größe und dieses Alters häufig, wenn sie intensiv benutzt wurden.
Das Fehlen von Beschriftungen im Inneren ist bemerkenswert und deutet darauf hin, dass es nicht als persönliches Arbeitsexemplar diente. Viele institutionelle Exemplare tragen Stempel von Behörden oder Parteistellen, was ihre ursprüngliche Nutzung dokumentiert.
Sammlerwert und ethische Überlegungen
Objekte wie das Führerlexikon werfen wichtige Fragen zum Umgang mit NS-Relikten auf. Sie besitzen unbestreitbar historischen Dokumentationswert, müssen aber im Kontext kritischer Geschichtsbetrachtung behandelt werden. Seriöse Sammler und Institutionen bewahren solche Materialien zur wissenschaftlichen Forschung und historischen Bildung auf, nicht zur Glorifizierung des Regimes.