Kreissieger im Reichsberufswettkampf 1939
Das vorliegende Auszeichnungsabzeichen trägt die Aufschrift “Kreissieger im Reichsberufswettkampf 1939” und stellt ein faszinierendes Zeugnis der nationalsozialistischen Jugend- und Arbeitspolitik in den letzten Friedensmonaten vor Beginn des Zweiten Weltkriegs dar. Hergestellt aus Buntmetall mit teilweiser Emaillierung, wurde dieses Abzeichen von der Firma A.G. Tham in Gablonz produziert, einem bedeutenden Zentrum der Schmuck- und Bijouterieindustrie im ehemaligen Sudetenland.
Der Reichsberufswettkampf wurde 1934 von der Deutschen Arbeitsfront (DAF) ins Leben gerufen und stellte einen zentralen Bestandteil der nationalsozialistischen Leistungsideologie dar. Diese jährlich stattfindenden Wettbewerbe sollten die berufliche Leistungsfähigkeit der deutschen Jugend fördern und gleichzeitig als Instrument der politischen Indoktrination dienen. Der Reichsberufswettkampf richtete sich primär an junge Arbeiter, Lehrlinge und Angestellte zwischen 14 und 21 Jahren und umfasste sowohl theoretische als auch praktische Prüfungen in verschiedenen Berufsfeldern.
Die Organisation des Wettbewerbs erfolgte hierarchisch auf mehreren Ebenen: Zunächst fanden Betriebswettkämpfe statt, gefolgt von Ortswettkämpfen, dann Kreiswettkämpfen, Gauwettkämpfen und schließlich dem Reichswettkampf auf nationaler Ebene. Das vorliegende Abzeichen würdigt einen Kreissieger, also einen Teilnehmer, der auf Kreisebene die beste Leistung in seiner jeweiligen Berufssparte erbracht hatte. Dies war eine beachtliche Leistung, die den Träger innerhalb seiner Region als besonders qualifiziert auswies.
Der Jahrgang 1939 besitzt eine besondere historische Bedeutung. Im März 1939 hatte das Deutsche Reich die “Rest-Tschechei” besetzt und das Protektorat Böhmen und Mähren errichtet. Im Sommer 1939 spitzte sich die internationale Krise um Polen dramatisch zu. Der Reichsberufswettkampf 1939 fand in einer Zeit statt, in der Deutschland bereits auf den Krieg zusteuerte, der am 1. September 1939 mit dem Überfall auf Polen begann. Die Auszeichnungen wurden vermutlich in den Sommermonaten 1939 verliehen, möglicherweise noch vor Kriegsausbruch oder in den ersten Kriegswochen.
Die Herstellerfirma A.G. Tham hatte ihren Sitz in Gablonz an der Neiße (heute Jablonec nad Nisou in Tschechien), einem traditionellen Zentrum der Glasschmuck- und Bijouterieindustrie. Nach der Angliederung des Sudetenlandes an das Deutsche Reich im Oktober 1938 infolge des Münchner Abkommens wurden die dortigen Betriebe in die Produktion von Orden, Ehrenzeichen und Abzeichen für das Reich eingebunden. Die Firma Tham gehörte zu den zahlreichen Herstellern, die für staatliche Stellen arbeiteten und Auszeichnungen in großer Stückzahl produzierten.
Die handwerkliche Ausführung solcher Abzeichen variierte je nach Hierarchieebene der Auszeichnung. Kreissiegerabzeichen waren in der Regel aus Buntmetall (einer Kupferlegierung) gefertigt und teilweise emailliert, um die Farben der Bewegung oder der jeweiligen Organisation darzustellen. Die Emaillierung erfolgte meist im Heißemailleverfahren und verlieh den Abzeichen eine besondere Farbbrillanz und Haltbarkeit. Die auf der Rückseite angebrachte Herstellermarkierung war bei offiziellen Auszeichnungen üblich und diente der Qualitätskontrolle sowie der Abrechnung mit den staatlichen Stellen.
Der Reichsberufswettkampf war eng mit der Hitler-Jugend und dem Bund Deutscher Mädel verbunden, obwohl er formal von der Deutschen Arbeitsfront organisiert wurde. Die Teilnahme war zwar offiziell freiwillig, doch der gesellschaftliche Druck zur Teilnahme war erheblich. Erfolgreiche Teilnehmer erhielten nicht nur Auszeichnungen, sondern auch materielle Preise und vor allem verbesserte Karrierechancen in ihren jeweiligen Berufen. Das System sollte Leistung belohnen und gleichzeitig die Jugend im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie formen.
Nach Kriegsausbruch verloren diese Wettbewerbe zunehmend an Bedeutung, wurden aber in reduzierter Form bis 1944 weitergeführt. Die Auszeichnungen aus den frühen Jahren wie 1939 sind heute historische Dokumente, die Einblick in die Durchdringung aller Lebensbereiche durch das NS-Regime geben. Sie zeigen, wie berufliche Qualifikation und politische Erziehung miteinander verknüpft wurden und wie das Regime versuchte, bereits die Jugend für seine Ziele zu mobilisieren.
Heute sind solche Objekte wichtige Quellen für die Erforschung der NS-Zeit und ihrer Alltagskultur. Sie dokumentieren die Mechanismen von Belohnung und Anerkennung im totalitären Staat und vermitteln einen Eindruck von der Reichweite nationalsozialistischer Organisationen. Die teilweise Beschädigung des vorliegenden Exemplars spricht für seine Authentizität und seine fast 85-jährige Geschichte.