Zaristisches Russland Silbernes Zigaretten-Etui aus dem Nachlass eines Kosaken-Offiziers

Um 1900. Etui aus Silberlegierung, Maße ca. 8.9 x 1.8 x 6.9 cm, fein ziseliert, auf dem Deckel eine byzantinisierende Szene, darunter die Inschrift "Мининъ и Пожарской"(Minin und Poscharski), auf der Unterseite eine reiche Trophäen-Darstellung. Der Deckel und der Behälter mehrfach gepunzt. Zustand 2.
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350,00

Zaristisches Russland Silbernes Zigaretten-Etui aus dem Nachlass eines Kosaken-Offiziers

Dieses silberne Zigarettenetui aus der Zeit um 1900 repräsentiert ein bemerkenswertes Beispiel russischer Militaria aus der späten Zarenzeit. Das Etui stammt aus dem Nachlass eines Kosaken-Offiziers und vereint künstlerische Handwerkskunst mit patriotischer Symbolik, die für das Kaiserliche Russland jener Epoche charakteristisch war.

Die Inschrift auf dem Deckel “Минин и Пожарский” (Minin und Poscharski) verweist auf zwei der bedeutendsten Nationalhelden Russlands. Kusma Minin, ein Fleischer und Kaufmann aus Nischni Nowgorod, und Fürst Dmitri Poscharski, ein Militärführer, organisierten 1612 die Volkswehr, die Moskau von der polnisch-litauischen Besatzung während der Smuta (Zeit der Wirren) befreite. Ihre erfolgreiche Kampagne beendete eine der dunkelsten Perioden der russischen Geschichte und ermöglichte die Etablierung der Romanow-Dynastie im Jahr 1613. Das berühmte Denkmal für Minin und Poscharski auf dem Roten Platz in Moskau, geschaffen von Iwan Martos und 1818 enthüllt, wurde zu einem der wichtigsten nationalen Symbole Russlands.

Die byzantinisierende Szene auf dem Deckel spiegelt die bewusste Anknüpfung des zaristischen Russlands an das Byzantinische Reich wider. Nach dem Fall Konstantinopels 1453 betrachtete sich Moskau als “Drittes Rom” und legitimen Erben der byzantinischen Tradition. Diese Ideologie durchdrang die russische Kultur, Kunst und politische Identität bis zum Ende der Zarenherrschaft 1917.

Die Trophäendarstellung auf der Unterseite des Etuis war ein gängiges Motiv in der militärischen Kunst und symbolisierte militärischen Ruhm und Ehre. Solche Darstellungen zeigten typischerweise Waffen, Fahnen, Kanonen und andere militärische Ausrüstungsgegenstände in kunstvollen Arrangements.

Die mehrfachen Punzierungen auf Deckel und Behälter sind charakteristisch für russische Silberarbeiten dieser Periode. Das russische Hallmarking-System wurde unter Zar Peter dem Großen eingeführt und im 19. Jahrhundert weiter verfeinert. Die Punzen gaben Auskunft über den Silbergehalt, das Herstellungsjahr, den Ort der Fertigung und häufig auch den Meister. Die gebräuchlichsten Standards waren 84 Zolotnik (875/1000) und 91 Zolotnik (947/1000), wobei 84 Zolotnik am häufigsten für solche Gebrauchsgegenstände verwendet wurde.

Zigarettenetuis aus Silber waren um 1900 beliebte Prestigeobjekte unter Offizieren des zaristischen Militärs. Das Rauchen von Zigaretten hatte sich im späten 19. Jahrhundert in Europa und Russland stark verbreitet, nachdem es zuvor primär auf den Orient beschränkt gewesen war. Der Krimkrieg (1853-1856) trug wesentlich zur Popularisierung des Zigarettenrauchens bei, da britische und französische Soldaten diese Gewohnheit von türkischen Truppen übernahmen.

Die Kosaken, zu deren Offizierscorps der ursprüngliche Besitzer dieses Etuis gehörte, bildeten eine besondere militärische und soziale Kaste im Russischen Reich. Ursprünglich freie Kriegergemeinschaften an den Grenzen des Reiches, wurden sie schrittweise in die imperiale Militärstruktur integriert. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es mehrere Kosakenheere, darunter die Don-Kosaken, Kuban-Kosaken und Terek-Kosaken. Kosaken-Offiziere genossen hohes Ansehen und pflegten eine ausgeprägte Tradition der Ehre und militärischen Exzellenz.

Die feine Ziselierung des Etuis zeugt von der hohen Qualität russischer Silberschmiedekunst um 1900. Zentren der Silberverarbeitung waren Moskau, St. Petersburg und andere bedeutende Städte des Reiches. Berühmte Firmen wie Fabergé, Owtschinnikow und Chlebnikow produzierten exquisite Arbeiten, die internationale Anerkennung fanden.

Solche persönlichen Gegenstände mit patriotischer Symbolik gewannen besondere Bedeutung in einer Zeit wachsender nationalistischer Gefühle und zunehmender internationaler Spannungen. Die Periode um 1900 war geprägt von der Herrschaft Zar Nikolaus II., dem letzten russischen Kaiser. Seine Regierungszeit sah militärische Abenteuer wie den katastrophalen Russisch-Japanischen Krieg (1904-1905) und endete schließlich in der Revolution von 1917.

Heute sind solche Objekte wichtige historische Zeugnisse einer untergegangenen Welt. Sie dokumentieren nicht nur künstlerisches Handwerk, sondern auch die Werte, Ideale und kulturelle Identität des zaristischen Russlands und seines Offizierskorps.