Frankreich 3. Republik Tschako Modell 1874 für Mannschaften im "6e régiment de hussards" (6. Husaren-Regiment)

Standort Marseille 1908. Der Korpus des Tschakos aus Leder mit hellblauem Stoff bezogen, der untere Rand in Leder eingefasst, der Deckel und der Schirm aus schwarzem Lackleder, oben um den Rand Borte aus weißer Wolle, seitlich mit schwarz lackierten Lüftungssieben, vorne die Blechkokarde in den Nationalfarben, darunter der "ungarische Knoten", grüne runde Quaste, Lederkinnriemen mit Ringbesatz an Löwenkopfaufhängungen. Innen mit gelaschtem Lederfutter, der Korpus hinten mit Etikett des Herstellers «... Wagner & Fils Marseille 1 08 ...». Größe ca. 55. Mit Trage- und Alterungsspuren. Zustand 2.
465733
900,00

Frankreich 3. Republik Tschako Modell 1874 für Mannschaften im "6e régiment de hussards" (6. Husaren-Regiment)

Der Tschako Modell 1874 für Mannschaften des 6. Husaren-Regiments (6e régiment de hussards) der Französischen Dritten Republik repräsentiert eine bedeutende Periode in der Entwicklung französischer Militäruniformen. Dieses spezifische Exemplar, hergestellt von Wagner & Fils in Marseille im Jahr 1908, dokumentiert die Fortführung traditioneller Husarenuniformen bis in die Jahre unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg.

Die Dritte Französische Republik, ausgerufen 1870 nach der Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg, unternahm umfassende Militärreformen. Das Reglement von 1874 etablierte neue Uniformstandards für die französische Armee, einschließlich spezifischer Kopfbedeckungen für verschiedene Truppengattungen. Der Tschako, eine zylindrische Kopfbedeckung mit Schirm und Deckel, hatte eine lange Tradition in europäischen Armeen und wurde von Frankreich besonders für Husarenregimenter beibehalten.

Das 6. Husaren-Regiment besaß eine lange und ruhmreiche Geschichte. Ursprünglich 1673 gegründet, durchlief es zahlreiche Reorganisationen und trug verschiedene Bezeichnungen. Die Husaren, ursprünglich leichte Kavallerie ungarischen Ursprungs, waren für ihre charakteristischen bunten Uniformen bekannt. Die Farbgebung der Uniformteile – in diesem Fall das Hellblau des Stoffbezugs – identifizierte das spezifische Regiment innerhalb der französischen Husarenbrigaden.

Die konstruktiven Merkmale dieses Tschakos sind typisch für das Modell 1874. Der Lederkörper, mit hellblauem Stoff bezogen, bot Schutz und Stabilität. Der schwarze Lacklederschirm und -deckel dienten sowohl funktionalen als auch ästhetischen Zwecken. Die weiße Wollborte am oberen Rand war ein charakteristisches Element der Mannschaftstschakos, im Gegensatz zu goldenen oder silbernen Borten bei Offizieren. Die lackierten Lüftungssiebe an den Seiten waren eine praktische Ergänzung für den Tragekomfort, besonders wichtig im mediterranen Klima von Marseille.

Die Blechkokarde in den französischen Nationalfarben Blau, Weiß und Rot war das zentrale republikanische Symbol. Darunter befand sich der sogenannte “ungarische Knoten” (nœud hongrois), ein dekoratives Element, das an die ungarischen Ursprünge der Husarentradition erinnerte. Die grüne Quaste war die spezifische Regimentsfarbe des 6. Husaren-Regiments. Diese Farbcodierung ermöglichte die schnelle Identifizierung von Regimentszugehörigkeiten auf dem Schlachtfeld und bei Paraden.

Der Lederkinnriemen mit Ringbesatz und Löwenkopfaufhängungen war sowohl funktional als auch dekorativ. Die Löwenköpfe waren ein traditionelles Element französischer Militärkopfbedeckungen und symbolisierten Mut und Stärke. Das System ermöglichte es dem Soldaten, den Tschako sicher zu befestigen, besonders wichtig für berittene Einheiten.

Die Herstellermarkierung “Wagner & Fils Marseille” mit der Jahreszahl 1908 identifiziert diesen Tschako als Produkt einer etablierten Militärausrüstungsfirma. Marseille, als bedeutender Militärstützpunkt und Hafenstadt, beherbergte mehrere spezialisierte Uniformhersteller, die lokale Garnisonen belieferten. Die Datierung 1908 ist besonders bedeutsam, da sie den Tschako in die späte Friedenszeit vor dem Ersten Weltkrieg einordnet.

In den Jahren nach 1900 befand sich die französische Militäruniform in einem Spannungsfeld zwischen Tradition und Modernisierung. Während die bunten, historisch gewachsenen Uniformen mit ihren charakteristischen Kopfbedeckungen bei Paraden und im Garnisonsdienst weiterhin getragen wurden, erkannte man zunehmend die Notwendigkeit praktischerer, weniger auffälliger Felduniformen. Die Einführung der feldgrauen Uniformen während des Ersten Weltkriegs bedeutete das Ende der traditionellen, farbenfrohen Militärkleidung.

Der Tschako Modell 1874 blieb bis etwa 1914/15 in Verwendung, wurde dann aber durch praktischere Kopfbedeckungen wie den Adrian-Helm ersetzt. Das 6. Husaren-Regiment selbst nahm am Ersten Weltkrieg teil und wurde später mechanisiert, wobei es seine Reittradition aufgab.

Aus sammlertechnischer und musealer Perspektive repräsentiert dieser Tschako ein hervorragendes Beispiel für französische Militärkopfbedeckungen der Belle Époque. Der erhaltene Zustand mit Herstelleretikett und vollständiger Ausstattung macht ihn zu einem wertvollen historischen Zeugnis. Solche Objekte dokumentieren nicht nur militärische Regularien, sondern auch Handwerkskunst, Materialverwendung und die symbolische Bedeutung militärischer Kleidung in einer Epoche, die kurz vor fundamentalen Umwälzungen stand.

r