III. Reich - Geschenk-Taschenuhr der Preußischen Saargruben AG 1938
Die vorliegende silberne Taschenuhr stellt ein bemerkenswertes Zeugnis der nationalsozialistischen Betriebskultur und Mitarbeiter-Ehrungspraktiken im Dritten Reich dar. Als Geschenk der Preußischen Saargruben AG aus dem Jahr 1938 verkörpert sie die Verschmelzung von traditioneller Industriekultur, nationalsozialistischer Symbolik und betrieblicher Loyalitätspolitik.
Die Saargruben Aktiengesellschaft hatte ihre Wurzeln in der preußischen Bergbautradition des 19. Jahrhunderts. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Saargebiet gemäß dem Versailler Vertrag von 1919 für 15 Jahre unter Völkerbundverwaltung gestellt, während Frankreich die wirtschaftliche Nutzung der Kohlegruben erhielt. Die Volksabstimmung vom 13. Januar 1935 führte zur Rückgliederung des Saarlandes ins Deutsche Reich, wobei über 90 Prozent der Bevölkerung für die Vereinigung mit Deutschland stimmten. Dies markierte einen bedeutenden propagandistischen Erfolg für das NS-Regime.
Nach der Rückgliederung 1935 wurden die Saargruben reorganisiert und in die nationalsozialistische Wirtschaftsordnung integriert. Die Verwendung des preußischen Adlers mit Hakenkreuz auf dem Zifferblatt der Uhr symbolisiert diese Verschmelzung von preußischer Tradition und nationalsozialistischer Ideologie. Der Adler, kombiniert mit den gekreuzten Bergmannssymbolen Schlägel und Eisen, verband die jahrhundertealte Bergbautradition mit der neuen politischen Ordnung.
Solche Ehrengeschenke waren Teil der nationalsozialistischen Betriebsgemeinschaftsideologie, die durch die Deutsche Arbeitsfront (DAF) propagiert wurde. Die DAF, gegründet 1933 nach der Zerschlagung der freien Gewerkschaften, etablierte ein System der “Betriebsgemeinschaft”, das Unternehmer als “Betriebsführer” und Arbeiter als “Gefolgschaft” definierte. Loyalitätsprämien und Ehrengeschenke wie diese Taschenuhr sollten die Bindung der Arbeiter an ihren Betrieb und damit an das Regime stärken.
Die Gravur “Für langjährige treue Mitarbeit” spiegelt die Betonung der Treue wider, die in der NS-Ideologie zentral war. Der Begriff der “Treue” wurde bewusst aus der feudalen und militärischen Tradition übernommen und auf das Arbeitsverhältnis übertragen. Die Vergabe solcher Geschenke folgte häufig Dienstjubiläen von 25, 40 oder 50 Jahren.
Die handwerkliche Qualität der Uhr - mit 900er Silber, Rotgoldauflage und vergoldetem Werk - unterstreicht ihren Wert als Prestigeobjekt. Die Punzierung mit Halbmond und Krone verweist auf die deutschen Silberpunzen dieser Zeit. Das Jahr 1938 war für das NS-Regime von besonderer Bedeutung: Es war das Jahr des “Anschlusses” Österreichs im März und des Münchner Abkommens im September, das zur Abtretung des Sudetenlandes führte.
Die Kohleproduktion im Saargebiet war von strategischer Bedeutung für die Aufrüstungspolitik des Dritten Reiches. Im Rahmen des Vierjahresplans (1936-1940) unter der Leitung von Hermann Göring sollte die deutsche Wirtschaft kriegsfähig gemacht werden. Die Saargruben spielten dabei eine wichtige Rolle in der Rohstoffversorgung der Schwerindustrie und Rüstungsproduktion.
Aus kulturhistorischer Perspektive dokumentiert diese Uhr die Allgegenwart nationalsozialistischer Symbolik im Alltagsleben. Selbst persönliche Geschenke für Arbeitsleistungen wurden ideologisch aufgeladen und für Propagandazwecke instrumentalisiert. Die Kombination von materiellem Wert, symbolischer Bedeutung und persönlicher Ehrung machte solche Objekte zu wirksamen Instrumenten der Loyalitätsbindung.
Nach 1945 wurden solche Objekte aufgrund ihrer NS-Symbolik häufig vernichtet oder versteckt. Erhaltene Exemplare haben heute primär dokumentarischen und musealen Wert als Zeugnisse der nationalsozialistischen Herrschafts- und Alltagskultur. Sie erlauben Einblicke in die Durchdringung aller Lebensbereiche durch die NS-Ideologie und die Mechanismen sozialer Kontrolle und Integration im Dritten Reich.