Zaristisches Russland 1. Weltkrieg Zigaretten-Etui aus dem Nachlass eines Kosaken-Offiziers 

Frontfertigung 1915. Holz mit reicher Schnitzverzierung, auf dem Deckel die Inschrift auf Altrussisch, beim Deckel fehlt ein Metallstift, die helle Holzstelle auf der Oberseite ist original! Hierbei handelt es sich um eine Nut zum Anheben des Deckels. Maße 10.9 x 2.7 x 8.1 cm. Zustand 2.










426240
150,00

Zaristisches Russland 1. Weltkrieg Zigaretten-Etui aus dem Nachlass eines Kosaken-Offiziers 

Das vorliegende Zigaretten-Etui aus Holz repräsentiert ein faszinierendes Beispiel der Frontfertigung während des Ersten Weltkriegs und stammt aus dem Nachlass eines Kosaken-Offiziers der zaristischen Armee. Datiert auf das Jahr 1915, verkörpert dieses Objekt nicht nur die persönliche Geschichte seines Besitzers, sondern auch die breiteren kulturellen und militärischen Praktiken der russischen Streitkräfte in einem der verheerendsten Konflikte der modernen Geschichte.

Die Kosaken im Ersten Weltkrieg spielten eine bedeutende Rolle in der zaristischen Armee. Diese traditionellen Reiterkrieger, organisiert in verschiedenen Kosakenheeren (Donkosaken, Kubankosaken, Terekkosaken und andere), stellten eine Elite-Kavallerieeinheit dar. Bei Kriegsausbruch 1914 mobilisierte das russische Kaiserreich über 300.000 Kosaken, die in mehr als 160 Regimentern dienten. Kosaken-Offiziere gehörten häufig zum niederen Adel oder entstammten etablierten Kosaken-Familien und genossen einen besonderen Status innerhalb der militärischen Hierarchie.

Das Jahr 1915, in dem dieses Etui gefertigt wurde, war für Russland ein besonders schwieriges Kriegsjahr. Die Große Rückzugsoffensive (Velikoe Otstuplenie) zwang die russischen Truppen nach verheerenden Niederlagen in Polen und Galizien zu einem strategischen Rückzug über hunderte von Kilometern. Die russische Armee litt unter chronischem Munitionsmangel, unzureichender Ausrüstung und enormen Verlusten. In diesem Kontext gewannen persönliche Gegenstände wie dieses Zigaretten-Etui besondere Bedeutung als Träger von Identität, Heimat und Hoffnung.

Frontfertigungen und Schützengrabenkunst entwickelten sich während des Ersten Weltkriegs zu einem bedeutenden Phänomen. Soldaten an allen Fronten schufen aus verfügbaren Materialien Gebrauchsgegenstände und Erinnerungsstücke. Die russische Bezeichnung hierfür war “okopnoe tvorchestvo” (Schützengrabenschöpfung). Im russischen Kontext griffen Handwerker und Soldaten oft auf traditionelle Holzschnitzerei zurück, eine in der slawischen Kultur tief verwurzelte Kunstform. Die reiche Schnitzverzierung dieses Etuis zeugt von beachtlichem handwerklichem Können und verfügbarer Zeit in Ruhepausen zwischen den Kämpfen.

Die Inschrift in Altrussisch (kirchenslawischer Schrift) auf dem Deckel ist besonders bemerkenswert. Während das moderne russische Alphabet bereits seit den Reformen Peters des Großen im frühen 18. Jahrhundert und insbesondere nach der Rechtschreibreform von 1918 verwendet wurde, behielten viele traditionsbewusste Kosaken und religiöse Menschen die kirchenslawische Schrift bei, die eng mit der orthodoxen Kirche und der traditionellen russischen Identität verbunden war. Dies unterstreicht die konservative, traditionelle Ausrichtung vieler Kosaken-Gemeinschaften.

Zigaretten und Tabakkonsum waren im Ersten Weltkrieg allgegenwärtig. Für Soldaten aller Nationen stellten Zigaretten nicht nur eine Gewohnheit dar, sondern ein essentielles Mittel zur Stressbewältigung, ein Tauschmittel und ein Symbol der Kameradschaft. Die russische Armee verteilte regelmäßig Machorka, einen groben, starken Tabak, an die Truppen. Offiziere hatten jedoch oft Zugang zu besseren Zigarettensorten und trugen ihre Vorräte in persönlichen Etuis.

Die Konstruktion des Etuis mit einer Nut zum Anheben des Deckels anstelle eines fehlenden Metallstifts zeigt die praktische Anpassungsfähigkeit unter Feldbedingungen. Metall war an der Front kostbar und wurde vorrangig für militärische Zwecke verwendet. Die Lösung mit einer Holznut demonstriert ingenieuses Handwerk unter Ressourcenknappheit.

Für Kosaken-Offiziere waren persönliche Gegenstände auch Ausdruck ihrer sozialen Stellung und kulturellen Identität. Die aufwendige Schnitzarbeit unterschied solche Stücke von den schlichten Gebrauchsgegenständen einfacher Soldaten. Sie dienten als Verbindung zur Heimat, zu Familie und Tradition – besonders wichtig für eine Kriegerkultur, die ihre Identität aus jahrhundertealten Traditionen bezog.

Nach der Oktoberrevolution 1917 und dem darauffolgenden russischen Bürgerkrieg flohen viele Kosaken-Offiziere ins Exil. Gegenstände aus dem Ersten Weltkrieg wurden zu wertvollen Erinnerungsstücken an eine untergegangene Welt. Solche Objekte dokumentieren heute nicht nur militärische Geschichte, sondern auch die persönlichen Schicksale von Individuen, die dramatische historische Umbrüche erlebten. Das vorliegende Etui ist somit ein materielles Zeugnis der letzten Jahre des Russischen Kaiserreichs und der tragischen Erfahrung des modernen Krieges.