Dieses versilberte Fischmesser gehört zu einer Kategorie von Gebrauchsgegenständen, die in der alltäglichen Funktionsweise des nationalsozialistischen Regierungsapparates eine Rolle spielten. Als Teil des Kantinenbestecks der Alten Reichskanzlei dokumentiert es nicht die repräsentative Seite des Dritten Reiches, sondern den praktischen Betrieb einer Institution, die das Zentrum der nationalsozialistischen Herrschaft darstellte.
Herstellung und technische Merkmale
Das Fischmesser wurde um 1935 von der Firma Bruckmann & Söhne in Heilbronn gefertigt, einem der führenden deutschen Silberwarenhersteller seit dem 19. Jahrhundert. Das Unternehmen hatte bereits den kaiserlichen Haushalt und hochrangige staatliche Institutionen beliefert und verfügte somit über langjährige Erfahrung in der Ausstattung von Regierungsinstitutionen. Das Messer ist 21 cm lang und aus versilbertem Metall gefertigt. Auf dem Griffstück befindet sich ein reliefierter Hoheitsadler mit umlaufender Zierkante. Auf der Rückseite ist der Herstellerstempel „Bruckmann“ angebracht.
Es ist wichtig, dieses Kantinenbesteck von anderen Silberwarenkategorien der Reichskanzlei zu unterscheiden. Hitlers persönliches Tafelsilber, ebenfalls von Bruckmann gefertigt, bestand aus massivem .800er Silber mit Hitlers Initialen „A-H“ und Adler-/Hakenkreuz-Motiven und trug entsprechende Feingehaltsstempel (Halbmond, Krone, 800, Adler). Das formelle Tafelsilber der Reichskanzlei war aus .925er Sterlingsilber gefertigt. Das hier vorliegende Kantinenbesteck hingegen war lediglich versilbert – nicht aus massivem Silber – und trug nur den Hoheitsadler als Dekor. Diese drei Kategorien sollten keinesfalls verwechselt werden.
Die Alte Reichskanzlei
Die Alte Reichskanzlei befand sich in der Wilhelmstraße 77 in Berlin und diente seit der Kaiserzeit als Sitz der deutschen Regierung. Nach Adolf Hitlers Machtergreifung am 30. Januar 1933 wurde das Gebäude zum Zentrum der nationalsozialistischen Herrschaft. In diesem historisch bedeutsamen Gebäude befanden sich neben den Repräsentationsräumen auch funktionale Bereiche wie die Kantinen für die Mitarbeiter.
Arthur Kannenberg – Hausintendant der Reichskanzlei
Die Kantine der Reichskanzlei unterstand der Leitung von Arthur Kannenberg (geboren am 23. Februar 1896 in Charlottenburg, gestorben am 26. Januar 1963 in Düsseldorf), der als Hausintendant Adolf Hitlers fungierte. Kannenberg schloss die Werdersche Oberrealschule in Berlin mit der mittleren Reife ab und begann 1912 eine Lehre im gastronomischen Betrieb seines Vaters Oskar Kannenberg. Ab 1915 diente er im Telegrafen-Bataillon I und wurde 1918 als Gefreiter entlassen.
Ab 1924 führte Kannenberg die Betriebe seines Vaters, darunter das Restaurant Kannenberg, das Hotel Stadt Berlin und das im Grunewald gelegene Ausflugslokal Onkel Toms Hütte, die 1930 in Konkurs gingen. Als Geschäftsführer von Pfuhls Wein- und Bierstuben, in denen auch prominente Nationalsozialisten wie Joseph Goebbels und Hermann Göring verkehrten, lernte er Hitler kennen. Hitler übertrug ihm die Leitung des Kasinos der Parteizentrale Braunes Haus in München, eine Tätigkeit, die Kannenberg 1931 aufnahm. In der Folge wurde ihm auch die Führung der Kantine der Reichsführerschule der NSDAP in der Schwanthalerstraße übertragen.
Nachdem Hitler 1933 Reichskanzler geworden war, wurde Kannenberg Hausintendant in der Reichskanzlei. In dieser Funktion organisierte er den gesamten Ablauf des Führerhaushalts. Dazu gehörte insbesondere die Einstellung des Personals, die Versorgung mit Lebensmitteln und Getränken, die Erarbeitung der Speisepläne sowie die Organisation der Bewirtung bei Staatsempfängen sowohl in der Reichskanzlei als auch gelegentlich auf dem Berghof. Während des Krieges war er im Führerhauptquartier Wolfsschanze tätig und zuletzt im Bunker der Reichskanzlei in Berlin. Im Mai 1945 wurde er von den Amerikanern interniert und am 25. Juli 1946 entlassen.
Nachkriegsgeschichte und Provenienz
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Mai 1945 wurde die Reichskanzlei von sowjetischen Truppen erobert und später weitgehend zerstört. Viele Einrichtungsgegenstände, darunter auch das Tafelsilber, wurden von Soldaten der Besatzungsmächte als Souvenirs mitgenommen. Dies war eine weit verbreitete Praxis unter allen alliierten Truppen. Gleichzeitig plünderten auch Berliner Zivilisten die Ruinen, um ihre oft durch Bombenangriffe zerstörten Haushalte wieder auszustatten.
Die Alte Reichskanzlei wurde in den 1950er Jahren vollständig abgerissen. Amerikanische Soldaten hatten Zugang zu westlichen Bereichen der Reichskanzlei und nahmen Gegenstände systematisch oder opportunistisch mit. Diese Objekte gelangten in die Vereinigten Staaten und wurden über Jahrzehnte in Privatbesitz aufbewahrt oder auf dem Sammlermarkt gehandelt. Der verbliebene Restbestand wurde als US-Kriegsbeute dokumentiert – ein typischer Provenienzweg für solche Objekte.
Sammlerbedeutung
Das Fischmesser ist ein aussagekräftiges Dokument des Alltagsbetriebs in der Reichskanzlei. Als Gebrauchsgegenstand der Kantine steht es nicht für die propagandistische Prachtentfaltung des Regimes, sondern für die bürokratische Infrastruktur, die den Regierungsapparat am Laufen hielt. Die leichten Gebrauchsspuren bezeugen seine tatsächliche Verwendung im täglichen Betrieb. Für Sammler ist die klare Unterscheidung zwischen diesem Kantinenbesteck, Hitlers persönlichem Tafelsilber und dem formellen Tafelsilber der Reichskanzlei von wesentlicher Bedeutung, da es sich um drei grundlegend verschiedene Kategorien mit unterschiedlicher historischer Wertigkeit handelt.