Braunschweig Pickelhaube für einen Reserveoffizier im Infanterie-Regiment Nr. 92, I. und II. Bataillon

Braunschweig, um 1910. Eleganter Lederhelm, komplett mit allen Beschlägen in vergoldeter Ausführung. Preußischer Helmadler matt vergoldet mit aufpolierten Kanten, für Reserveoffiziere ohne Bandeau, darauf großer versilberter Stern des Hausordens, die Kreuzarme blau lackiert, das Zentrum rot emailliert, die Auflagen teils versilbert, bzw. vergoldet. Darunter das silberne Reservekreuz mit Aufschrift "Mit Gott für Fürst und Vaterland", die Reserveoffiziere trugen kein "Penisula" Bandeau . Flache vergoldete Schuppenketten am Knopf 91, beide Kokarden. Die hohe elegante Dienstspitze abschraubbar. Innen hellbraunes Schweißleder und helles Seidenfutter, Größe 57. Leicht getragen, Zustand 2.
Ab 1912 trugen die Offiziere in allen 3 Bataillonen einheitlich den Totenkopf auf dem Adler, der emaillierte Hausorden als Auflage wurde abgeschafft.
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9.000,00

Braunschweig Pickelhaube für einen Reserveoffizier im Infanterie-Regiment Nr. 92, I. und II. Bataillon

Die vorliegende Pickelhaube für einen Reserveoffizier des Braunschweigischen Infanterie-Regiments Nr. 92 repräsentiert ein außergewöhnliches Beispiel der militärischen Kopfbedeckungen des Herzogtums Braunschweig in der späten Kaiserzeit. Um 1910 gefertigt, verkörpert dieser Helm die besondere Stellung der braunschweigischen Streitkräfte innerhalb des Deutschen Kaiserreichs.

Das Infanterie-Regiment Nr. 92 war eines der traditionsreichsten Regimenter des Herzogtums Braunschweig. Nach der preußischen Heeresreform wurden die braunschweigischen Truppen in die preußische Armee integriert, behielten jedoch ihre eigenständigen Traditionen und Abzeichen. Das Regiment bestand aus mehreren Bataillonen, wobei das I. und II. Bataillon eine besondere historische Bedeutung hatten.

Die technische Ausführung dieser Pickelhaube ist charakteristisch für die Reserveoffiziers-Qualität. Der Lederhelm weist die typische Konstruktion der Epoche auf, mit einer hohen, abschraubbaren Spitze aus vergoldetem Metall. Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal der Reserveoffiziere war das Fehlen des “Peninsula”-Bandeaus, jenes Metallstreifens, der bei aktiven Offizieren den Helmkörper am unteren Rand umschloss. Stattdessen trugen Reserveoffiziere ihre Helme mit direkter Lederkante.

Das herausragendste Element dieser Pickelhaube ist zweifellos die Kombination aus preußischem Adler und dem Stern des Braunschweigischen Hausordens. Der matt vergoldete Adler mit seinen aufpolierten Kanten folgt dem preußischen Standard, doch darauf sitzt der große versilberte Ordensstern mit seinen charakteristischen blau lackierten Kreuzarmen und dem rot emaillierten Zentrum. Diese Kombination symbolisiert die doppelte Loyalität der braunschweigischen Offiziere: einerseits zum Königreich Preußen und damit zum Deutschen Kaiser, andererseits zum eigenen Landesherrn, dem Herzog von Braunschweig.

Unterhalb des Ordenssterns befindet sich das silberne Reservekreuz mit der Inschrift “Mit Gott für Fürst und Vaterland”. Diese Devise verkörpert die monarchistische Gesinnung der Zeit und die besondere Verbundenheit zum Fürstenhaus. Das Reservekreuz war ein eindeutiges Erkennungszeichen für Offiziere der Reserve, die ihren aktiven Dienst abgeleistet hatten und nun als zivile Personen mit militärischer Verpflichtung dienten.

Die Schuppenketten aus vergoldetem Metall sind am Knopf mit der Nummer 91 befestigt, was auf die spezifische Regimentszugehörigkeit hinweist. Die beiden Kokarden - die Reichskokarde in Schwarz-Weiß-Rot und die Landeskokarde in den braunschweigischen Farben - unterstreichen erneut die duale Identität dieser Truppen.

Die Innenausstattung mit hellbraunem Schweißleder und hellem Seidenfutter in Größe 57 entspricht der hochwertigen Ausführung für Offiziere. Diese Materialien gewährleisteten nicht nur Tragekomfort, sondern waren auch Ausdruck des sozialen Status ihrer Träger, die diese Ausrüstungsstücke aus eigenen Mitteln beschaffen mussten.

Ein wichtiger historischer Wendepunkt erfolgte ab 1912, als eine bedeutende Uniformreform durchgeführt wurde. In diesem Jahr wurde verfügt, dass die Offiziere aller drei Bataillone einheitlich den Totenkopf auf dem Adler zu tragen hatten. Der emaillierte Hausorden als Auflage wurde abgeschafft. Diese Änderung stand im Zusammenhang mit der Wiederbelebung der “Schwarzen Schar”-Tradition, die auf das berühmte Freikorps des Herzogs Friedrich Wilhelm von Braunschweig zurückging, das 1809 gegen Napoleon gekämpft hatte. Der Totenkopf mit gekreuzten Knochen wurde zum Symbol braunschweigischer Militärtradition.

Diese Pickelhaube dokumentiert somit einen sehr spezifischen Zeitraum: die Jahre zwischen etwa 1897, als das Regiment seine moderne Organisationsstruktur erhielt, und 1912, als die Uniformvorschriften geändert wurden. Helme wie dieser wurden nur etwa 15 Jahre lang in dieser Form getragen, was sie zu seltenen Zeitzeugen macht.

Die Erhaltung in “Zustand 2” mit leichten Gebrauchsspuren deutet darauf hin, dass dieser Helm tatsächlich getragen wurde, vermutlich bei Paraden, Übungen und offiziellen Anlässen. Reserveoffiziere waren verpflichtet, an regelmäßigen Übungen teilzunehmen und ihre Ausrüstung stets einsatzbereit zu halten.

Solche Pickelhauben sind heute wichtige Studienobjekte für Militärhistoriker, da sie die komplexe föderale Struktur des Deutschen Kaiserreichs veranschaulichen, in dem die einzelnen Bundesstaaten ihre militärischen Traditionen innerhalb des gemeinsamen Heeres pflegten.