Dieser Plakatentwurf aus dem Jahr 1943 repräsentiert ein seltenes und bedeutendes Zeugnis des antifaschistischen Widerstands während des Zweiten Weltkriegs. Das Werk, signiert mit dem Monogramm “HF 1943”, wurde von einem Hamburger Antifaschisten im britischen Exil geschaffen und gehört zu einer Gruppe von Propagandamaterialien, die niemals zur Veröffentlichung gelangten.
Die Darstellung zeigt zerbombte Hausruinen mit Führerparolen und im Vordergrund eine symbolträchtige Streichholzschachtel mit der Aufschrift “NSDAP 1933-1943”. Der ironische Titel “Wir danken unserem Führer!! Immer noch?” stellt eine direkte Konfrontation mit der nationalsozialistischen Propaganda dar und dokumentiert die zunehmende Desillusionierung nach Jahren des Krieges.
Das Jahr 1943 markierte einen Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg. Nach der verheerenden Niederlage bei Stalingrad im Februar und der Kapitulation der 6. Armee war die Unbesiegbarkeit der Wehrmacht widerlegt. In Deutschland selbst intensivierten sich die alliierten Bombenangriffe dramatisch, besonders auf Industriestädte und urbane Zentren. Hamburg, die Heimatstadt des Künstlers, erlebte im Juli/August 1943 die Operation Gomorrha, eine der verheerendsten Bombenoffensiven des Krieges, bei der etwa 35.000 bis 40.000 Menschen ihr Leben verloren.
Der antifaschistische Widerstand im Exil spielte eine wichtige Rolle in der psychologischen Kriegsführung gegen das NS-Regime. Tausende Deutsche flohen nach 1933 vor politischer Verfolgung, darunter Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Intellektuelle und Künstler. Großbritannien wurde zu einem wichtigen Zentrum dieser Emigration, besonders nach Kriegsbeginn 1939. Dort entstanden verschiedene Organisationen und Komitees, die sich der Aufklärungsarbeit und der Unterstützung des Widerstands widmeten.
Die Freie Deutsche Bewegung und andere Exilorganisationen produzierten Flugblätter, Plakate und Broschüren, die über verschiedene Kanäle nach Deutschland geschmuggelt oder über feindlichem Territorium abgeworfen werden sollten. Die BBC strahlte deutsche Sendungen aus, und Organisationen wie das Political Warfare Executive (PWE) entwickelten Propagandamaterialien zur Demoralisierung der deutschen Bevölkerung und Wehrmacht.
Die künstlerische Technik dieses Entwurfs – Bleistift und Wasserfarbe auf Karton – entspricht den typischen Produktionsmethoden der Exilpropaganda. Die Materialknappheit im Kriegsengland und die Notwendigkeit, schnell und effizient zu arbeiten, prägten die ästhetischen Entscheidungen der Künstler. Dennoch zeigt die Komposition ein durchdachtes visuelles Konzept: Die Ruinenlandschaft als Anklage gegen das Regime, die Streichholzschachtel als Symbol für das “Dritte Reich” – brennbar, kurzlebig und zerstörerisch.
Die Tatsache, dass dieser und andere Entwürfe nicht zur Veröffentlichung kamen, wirft Licht auf die komplexen Entscheidungsprozesse in der alliierten Propagandaführung. Nicht alle produzierten Materialien wurden tatsächlich verwendet. Gründe dafür konnten strategische Überlegungen sein, Bedenken hinsichtlich der Wirksamkeit oder auch politische Erwägungen bezüglich der Zusammenarbeit mit deutschen Exilanten verschiedener politischer Couleur.
Der künstlerische Widerstand deutscher Emigranten in England umfasste namhafte Persönlichkeiten wie John Heartfield (eigentlich Helmut Herzfeld), dessen Photomontagen weltberühmt wurden, oder Künstler wie Oskar Kokoschka. Diese Künstler nutzten ihre Fähigkeiten, um die Verbrechen des Nationalsozialismus anzuprangern und die internationale Öffentlichkeit aufzurütteln.
Das Monogramm “HF” verweist auf einen der vielen heute oft vergessenen Akteure des Widerstands – Künstler, die unter schwierigen Bedingungen im Exil ihrer Überzeugung treu blieben und mit ihren Mitteln gegen die Diktatur kämpften. Ihre Arbeiten dokumentieren nicht nur künstlerisches Schaffen, sondern auch moralischen Mut und politisches Engagement in dunkelster Zeit.
Heute besitzt dieser Plakatentwurf besonderen historischen Wert als authentisches Dokument der Exilkultur und des antifaschistischen Widerstands. Solche Objekte sind selten überliefert, da viele Materialien im Krieg verloren gingen oder nach 1945 als nicht mehr relevant entsorgt wurden. Sie bieten Einblick in die Gedankenwelt und Strategien des Widerstands und erinnern an Menschen, die unter persönlichem Risiko und oft in Armut für ihre Ideale einstanden.