Diese Dokumentengruppe repräsentiert den militärischen und beruflichen Werdegang eines deutschen Soldaten, der sowohl im Ersten Weltkrieg als auch in der Zwischenkriegszeit und im Zweiten Weltkrieg diente. Die Sammlung umfasst Dokumente aus drei Jahrzehnten deutscher Geschichte und bietet einen faszinierenden Einblick in das Leben eines Verdunkämpfers und späteren Zollbeamten.
Der Kern der Sammlung bildet der Wehrpass, das wichtigste militärische Dokument eines deutschen Soldaten. Von 1908 bis 1920 dokumentiert dieser Pass die militärische Laufbahn des Trägers. Der Wehrpass war nicht nur ein Identitätsdokument, sondern enthielt auch alle wichtigen Informationen über Dienstzeiten, Einheiten, Beförderungen und Auszeichnungen. Die Eintragungen zeigen, dass der Soldat beim Feldartillerie-Regiment 51 diente, einer Einheit der preußischen Armee, die während des Ersten Weltkriegs an mehreren bedeutenden Schlachten teilnahm.
Die Beförderung zum Vizewachtmeister am 8. Juni 1916 markiert einen wichtigen Meilenstein in der militärischen Karriere. Der Vizewachtmeister war ein Unteroffiziersdienstgrad in der Feldartillerie, vergleichbar mit einem Feldwebel in anderen Truppengattungen. Diese Position erforderte nicht nur militärische Kompetenz, sondern auch Führungsqualitäten und technisches Verständnis für die komplexen Artilleriegeschütze der Zeit.
Die verliehenen Auszeichnungen zeugen von beachtlicher Tapferkeit und Pflichterfüllung. Das Eiserne Kreuz, gestiftet 1813 während der Befreiungskriege, war die bedeutendste preußische und später deutsche Kriegsauszeichnung. Die II. Klasse, verliehen am 22. März 1915, wurde für besondere Verdienste im Kampf verliehen. Der vorläufige Ausweis vom 7. März 1916 belegt diese Verleihung. Noch bemerkenswerter ist die Verleihung des Eisernen Kreuzes I. Klasse am 4. Juni 1919, also nach Kriegsende. Diese höhere Stufe der Auszeichnung wurde nur an etwa 5% aller Träger des EK II verliehen und erforderte außergewöhnliche Tapferkeit oder herausragende Führungsleistungen.
Der Kriegsstammrollenauszug listet die Gefechtsteilnahmen detailliert auf, darunter die blutigen Schlachten an der Somme und bei Verdun. Die Schlacht von Verdun (Februar bis Dezember 1916) war eine der verlustreichsten Schlachten des Ersten Weltkriegs, die oft als Symbol für die Sinnlosigkeit des industrialisierten Krieges steht. Die Teilnahme an diesen Kämpfen erklärt auch die Verleihung des Verwundetenabzeichens, dokumentiert durch ein Besitzzeugnis vom 29. Juli 1918. Der Träger diente zu diesem Zeitpunkt bei der 9. Batterie des 2. Ostpreußischen Feldartillerie-Regiments 52, was auf eine Versetzung während des Krieges hindeutet.
Nach dem Krieg schlug der ehemalige Soldat eine Laufbahn beim Zolldienst ein, was für viele Kriegsveteranen eine beliebte Karriereoption darstellte. Die Ernennung zum Zollsekretär am 11. Mai 1934 durch das Landesfinanzamt Düsseldorf markiert den Beginn seiner zivilen Beamtenlaufbahn. Das Ehrenkreuz für Frontkämpfer, verliehen am 15. Dezember 1934 in Wesel, war eine Auszeichnung der Weimarer Republik und später des NS-Regimes für Teilnehmer des Ersten Weltkriegs. Diese Auszeichnung wurde 1934 systematisch an alle noch lebenden Kriegsteilnehmer verliehen.
Das Treudienst-Ehrenzeichen in Silber für 25-jährige treue Dienste, verliehen am 20. August 1938, dokumentiert eine bemerkenswerte Kontinuität im Staatsdienst. Diese Auszeichnung wurde ab 1938 im Deutschen Reich für langjährige Dienstleistungen im öffentlichen Dienst verliehen. Die Ernennung zum Oberzollsekretär am 16. Januar 1942 in Bremen zeigt den weiteren Karrierefortschritt während des Zweiten Weltkriegs.
Besonders interessant ist die bulgarische Verleihungsurkunde vom 11. Februar 1942. Bulgarien war im Zweiten Weltkrieg ein Verbündeter des Deutschen Reiches, und solche Auszeichnungen wurden oft an deutsche Beamte und Soldaten verliehen, die in diplomatischen oder militärischen Funktionen mit bulgarischen Stellen zusammenarbeiteten.
Das beigefügte Foto zeigt den Vizewachtmeister “beim Spähen an der Zonengrenze”, vermutlich aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als Deutschland unter alliierter Kontrolle und Besatzung stand. Solche Aufnahmen sind historisch wertvoll, da sie das tägliche Leben und die Pflichten eines Zollbeamten in der Zwischenkriegszeit dokumentieren.
Diese Dokumentengruppe ist ein außergewöhnliches Zeugnis deutscher Militär- und Verwaltungsgeschichte. Sie illustriert den typischen Lebensweg eines deutschen Soldaten, der die Schrecken des Ersten Weltkriegs überlebte, in der Weimarer Republik und im Dritten Reich als Beamter diente und dabei seine militärische Identität als Frontkämpfer bewahrte. Die sorgfältige Aufbewahrung all dieser Dokumente über Jahrzehnte hinweg zeigt die Bedeutung, die der militärischen und beruflichen Identität in dieser Epoche beigemessen wurde.