Preußen 1. Weltkrieg Silberne Taschenuhr als Ehrengeschenk der Königlichen Geschossfabrik in Spandau an den «Arbeiter Haver Vollmer» 1915

Die Taschenuhr mit silbernem Gehäuse mit vergoldeten Rändern und emaillierten Ziffernblatt mit kleiner Sekunde, das Ankerwerk funktionstüchtig (keine Gewähr), auf dem Ziffernblatt der Hersteller «Longines». Der Deckel außen mit der Reichskrone und der Chiffre «W», im Deckel innen die Widmung «Für 25jährige treue Dienste dem Arbeiter Haver Vollmer Kgl. Geschossfabrik in Spandau 13.4.15.», Gravuren des Uhrmachers, am Rand die Nummer «1678103». Die Uhrwerksabdeckung außen mit dem aufgelegten halbplastischem Konterfei Kaiser Wilhelms II. umgeben von in die Abdeckung eingraviertem Eichenlaub und der Reichskrone, innen der Silbergehaltsstempel «0,800», der Reichssilberstempel mit dem Halbmond und der Reichskrone sowie die Nummer «3018761». Das Uhrwerk mit dem Hersteller «Longines» und der Nummer «3018761», das Gehäuse mit der Auerhahnpunze. Zustand 2. 
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1.450,00

Preußen 1. Weltkrieg Silberne Taschenuhr als Ehrengeschenk der Königlichen Geschossfabrik in Spandau an den «Arbeiter Haver Vollmer» 1915

Diese silberne Taschenuhr von Longines aus dem Jahr 1915 repräsentiert eine bedeutende Tradition des Kaiserlichen Deutschlands: die Ehrung verdienter Arbeiter in kriegswichtigen Rüstungsbetrieben. Das Stück wurde dem Arbeiter Haver Vollmer für 25-jährige treue Dienste in der Königlichen Geschossfabrik in Spandau am 13. April 1915 verliehen – mitten im ersten Weltkrieg, als die industrielle Produktion von Munition und Geschossen für die deutsche Kriegsführung von existenzieller Bedeutung war.

Die Königliche Geschossfabrik Spandau war eine der wichtigsten Munitionsfabriken des Deutschen Kaiserreichs. Bereits im 19. Jahrhundert gegründet, entwickelte sich der Standort Spandau zu einem Zentrum der deutschen Rüstungsindustrie. Neben der Geschossfabrik befanden sich dort auch das berühmte Gewehr-Prüfungs-Kommission und andere militärische Produktionsstätten. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 wurde die Produktion massiv ausgeweitet, um den enormen Munitionsverbrauch an den Fronten zu decken.

Die Verleihung solcher Ehrengeschenke an langjährige Arbeiter hatte mehrere Funktionen. Zum einen diente sie der Arbeitermotivation in einer Zeit, als die Rüstungsindustrie unter enormem Produktionsdruck stand. Die sogenannte Munitionskrise von 1914/15 hatte deutlich gemacht, dass Deutschland auf eine leistungsfähige und loyale Arbeiterschaft in den Rüstungsbetrieben angewiesen war. Zum anderen waren solche Auszeichnungen Ausdruck der paternalistischen Sozialpolitik des Kaiserreichs, die Loyalität und lange Betriebszugehörigkeit belohnte.

Die kunstvolle Gestaltung der Uhr ist bemerkenswert. Der Deckel trägt die Reichskrone und die Chiffre "W" für Kaiser Wilhelm II., was die direkte Verbindung zum Monarchen symbolisiert. Die Uhrwerksabdeckung zeigt ein halbplastisches Konterfei Kaiser Wilhelms II., umgeben von Eichenlaub und der Reichskrone. Das Eichenlaub war ein traditionelles Symbol für Stärke, Beständigkeit und deutsche Tugenden. Diese ikonographischen Elemente machten deutlich, dass der Empfänger nicht nur von seinem Arbeitgeber, sondern im Namen des Kaisers selbst geehrt wurde.

Die Wahl einer Longines-Uhr als Ehrengeschenk ist bezeichnend. Longines war bereits im frühen 20. Jahrhundert eine angesehene Schweizer Uhrenmanufaktur, bekannt für Präzision und Qualität. Das silberne Gehäuse mit einem Feingehalt von 0,800, wie durch den Silbergehaltsstempel belegt, und die vergoldeten Ränder zeugten von der Wertigkeit des Geschenks. Die Auerhahnpunze am Gehäuse ist ein deutscher Feingehaltsstempel, der die Silberqualität garantierte.

Die 25-jährige Betriebszugehörigkeit des Arbeiters Haver Vollmer bedeutet, dass er seit etwa 1890 in der Geschossfabrik tätig war – also bereits im Kaiserreich unter Wilhelm II., der 1888 den Thron bestieg. Diese lange Dienstzeit umfasste die Phase der massiven Aufrüstung des Deutschen Reichs, die Flottengesetze und die Vorbereitung auf einen möglichen europäischen Konflikt. Vollmer war somit Zeuge und Teilnehmer der militärisch-industriellen Entwicklung Deutschlands von der wilhelminischen Friedenszeit bis in den Weltkrieg.

Das Jahr 1915 war für die deutsche Kriegswirtschaft von besonderer Bedeutung. Nach dem Scheitern des Schlieffen-Plans und dem Übergang zum Stellungskrieg wurde der Munitionsverbrauch zu einem kritischen Faktor. Die deutsche Heeresleitung forderte eine massive Steigerung der Produktion. Das Hindenburg-Programm von 1916 sollte die Rüstungsproduktion noch weiter intensivieren, doch bereits 1915 liefen die Bemühungen, die Kapazitäten auszubauen.

Solche Ehrenuhren waren Teil einer umfassenderen Kultur der Auszeichnungen im Kaiserreich. Neben militärischen Orden und Ehrenzeichen gab es zahlreiche zivile Auszeichnungen für Verdienste in Wirtschaft, Wissenschaft und öffentlichem Dienst. Die Rüstungsarbeiter nahmen dabei eine besondere Stellung ein, da ihre Arbeit als kriegsentscheidend galt, sie selbst aber nicht den Gefahren an der Front ausgesetzt waren.

Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Ende der Monarchie 1918 verloren solche kaiserlichen Ehrengeschenke ihre offizielle Bedeutung, blieben aber für die Empfänger und deren Familien wertvolle Erinnerungsstücke. Heute sind sie bedeutende zeithistorische Dokumente, die Einblick geben in die Sozialgeschichte der deutschen Rüstungsindustrie, die Arbeiterschaft im Ersten Weltkrieg und die Repräsentationskultur des Kaiserreichs.