Die Dienstmarke der Flottmann-Werke aus Herne in Westfalen ist ein bemerkenswertes Zeugnis der deutschen Industriegeschichte des frühen 20. Jahrhunderts und ihrer Verflechtung mit der Rüstungsproduktion während des Dritten Reiches. Diese aus Feinzink gefertigte Marke mit der Rückennummer 188 diente als Betriebsausweis und Identifikationsnachweis für Arbeiter und Angestellte eines der bedeutendsten Maschinenbauunternehmen des Ruhrgebiets.
Die Geschichte der Flottmann-Werke beginnt weit vor der NS-Zeit. Der Unternehmensgründer Friedrich Heinrich Flottmann (1844-1899) erwarb 1872 in Bochum eine bestehende Gelbgießerei und Metalldreherei, die er unter dem Namen Metallgießerei H. Flottmann fortführte. Nach seinem Tod im Jahr 1899 übernahm seine Witwe Emilie Flottmann (1852-1933) die Leitung des Unternehmens und führte es erfolgreich durch die Kaiserzeit und die Weimarer Republik.
Einen revolutionären Durchbruch erzielte der älteste Sohn Otto Heinrich Flottmann (1875-1944) im Jahr 1904, als er das Reichspatent für den “Druckluft-Bohrhammer mit Kugelsteuerung und selbsttätiger Umsetzung” erhielt. Diese Erfindung revolutionierte nicht nur den Ruhrbergbau, sondern machte das Unternehmen auch international bekannt. Die neue Technologie ermöglichte effizienteres Arbeiten unter Tage und trug wesentlich zur Produktivitätssteigerung im Steinkohlebergbau bei. Aufgrund fehlender Expansionsmöglichkeiten am ursprünglichen Standort in Bochum verlagerte Otto Heinrich Flottmann das Werk nach Herne in Westfalen, wo das Unternehmen zu einem der größten Arbeitgeber der Region wurde.
Dienstmarken und Werkausweise hatten in deutschen Industriebetrieben eine lange Tradition. Sie dienten mehreren Zwecken: der Zugangskontrolle zu den Betriebsanlagen, der Arbeitszeiterfassung und als Nachweis der Betriebszugehörigkeit. Während des Dritten Reiches erhielten diese Marken jedoch eine zusätzliche Bedeutung. Mit der zunehmenden Militarisierung der Wirtschaft ab 1933 und besonders nach Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 wurden viele Industriebetriebe zu Wehrwirtschaftsbetrieben erklärt. Die Flottmann-Werke, die pneumatische Werkzeuge, Kompressoren und andere Maschinen herstellten, waren für die Kriegswirtschaft von erheblicher Bedeutung.
Die Verwendung von Feinzink als Material für diese Dienstmarke ist charakteristisch für die Kriegszeit. Während in Friedenszeiten oft wertvollere Metalle oder emaillierte Ausführungen verwendet wurden, musste während des Krieges auf kostengünstigere und verfügbare Materialien zurückgegriffen werden. Zink war als Ersatzmetall weit verbreitet, da die wertvolleren Metalle wie Kupfer, Messing und Bronze für die Rüstungsproduktion benötigt wurden.
Die individuelle Nummerierung auf der Rückseite (hier: 188) ermöglichte die eindeutige Zuordnung zu einem bestimmten Mitarbeiter. In den Betriebsregistern wurden diese Nummern mit den Personalakten verknüpft. Dies war besonders wichtig in Betrieben mit mehreren hundert oder tausend Beschäftigten. Die Marke musste beim Betreten und Verlassen des Werksgeländes vorgezeigt werden und diente auch als Nachweis bei der Essensausgabe in den Werkkantinen oder beim Erhalt von Deputaten.
Während des Krieges verschärften sich die Kontrollen in den Rüstungsbetrieben erheblich. Die Geheime Staatspolizei (Gestapo) und werkseigene Sicherheitsdienste überwachten die Belegschaft. Dienstmarken wurden zu wichtigen Identifikationsdokumenten, deren Verlust schwerwiegende Konsequenzen haben konnte. Gleichzeitig arbeiteten in vielen Betrieben des Ruhrgebiets, einschließlich vermutlich auch bei Flottmann, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, die oft separate Kennzeichnungen tragen mussten.
Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches 1945 wurden die Flottmann-Werke unter alliierte Kontrolle gestellt und später im Rahmen der Demontage teilweise demilitarisiert. Das Unternehmen konnte sich jedoch erholen und setzte seine Tradition im Maschinenbau fort, bis es später in größere Konzernstrukturen integriert wurde.
Heute sind solche Dienstmarken wichtige historische Dokumente. Sie erzählen von der Arbeitsrealität in der deutschen Rüstungsindustrie, von der Organisation großer Industriebetriebe und von der zunehmenden Bürokratisierung und Kontrolle während der NS-Diktatur. Für die Regional- und Wirtschaftsgeschichte des Ruhrgebiets sind sie unschätzbare Quellen, die Einblick in die Alltagsgeschichte der “Heimatfront” geben.