Deutschnationale Kranken- und Begräbniskasse Hamburg - Mitgliedsbuch

für einen Mann des Jahrgangs 1886, ausgestellt am 31.12.1904, mit vielen Beitragsmarken; dabei sind drei Mitgliedskarten des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband für 1920-1921 und zwei Quittungen " Kriegssteuer 50 Pfennige "; gebrauchter Zustand.
Der Deutschnationale Handlungsgehilfen-Verband (DHV) war eine völkisch-antisemitische Angestelltengewerkschaft, die von 1893 bis 1933 bestand.
244073
35,00

Deutschnationale Kranken- und Begräbniskasse Hamburg - Mitgliedsbuch

Das vorliegende Mitgliedsbuch der Deutschnationalen Kranken- und Begräbniskasse Hamburg aus dem Jahr 1904 ist ein bemerkenswertes Zeugnis der deutschen Sozialgeschichte am Beginn des 20. Jahrhunderts. Es dokumentiert nicht nur die Entwicklung des Sozialversicherungswesens, sondern auch die politisch-ideologische Ausrichtung bestimmter Gewerkschaftsverbände in der Kaiserzeit und der Weimarer Republik.

Die Deutschnationale Kranken- und Begräbniskasse war eine soziale Einrichtung des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes (DHV), der 1893 in Hamburg gegründet wurde. Der DHV entwickelte sich zur größten Angestelltengewerkschaft im Deutschen Reich und erreichte in den 1920er Jahren über 400.000 Mitglieder. Anders als die sozialistisch orientierten Arbeitergewerkschaften verstand sich der DHV als Standesorganisation der kaufmännischen Angestellten und vertrat explizit eine völkisch-nationalistische und antisemitische Ideologie.

Das Mitgliedsbuch wurde am 31. Dezember 1904 für einen Mann des Jahrgangs 1886 ausgestellt, der zum Zeitpunkt des Beitritts also 18 Jahre alt war. Dies war ein typisches Alter für den Eintritt junger kaufmännischer Angestellter in den Verband, die oft direkt nach ihrer Ausbildung Mitglied wurden. Die zahlreichen Beitragsmarken im Buch dokumentieren die kontinuierliche Mitgliedschaft und die regelmäßige Zahlung der Beiträge über Jahre hinweg. Diese Marken wurden ähnlich wie Briefmarken eingeklebt und dienten als Nachweis der Beitragszahlung und damit der Anspruchsberechtigung auf Leistungen.

Die Kranken- und Begräbniskassen erfüllten eine wichtige soziale Funktion in einer Zeit, in der die staatliche Sozialversicherung noch nicht alle Eventualitäten abdeckte. Obwohl Bismarck bereits in den 1880er Jahren mit der Sozialgesetzgebung (Krankenversicherung 1883, Unfallversicherung 1884) wichtige Grundlagen geschaffen hatte, blieben viele Angestellte auf zusätzliche Absicherungen angewiesen. Die Begräbniskasse garantierte im Todesfall eine würdige Bestattung und entlastete die Hinterbliebenen finanziell – ein wichtiger Aspekt in einer Gesellschaft, in der Armenbegräbnisse als große Schande galten.

Die beigefügten Mitgliedskarten für die Jahre 1920-1921 dokumentieren die Kontinuität der Mitgliedschaft über den Ersten Weltkrieg hinweg. Diese Periode war für den DHV eine Zeit großer Expansion, da die Zahl der Angestellten in Deutschland stark zunahm und viele Kriegsheimkehrer in kaufmännische Berufe drängten. Die beiden Quittungen über die Kriegssteuer von 50 Pfennigen sind interessante zeitgeschichtliche Dokumente. Diese Abgaben wurden zur Finanzierung der Kriegsfolgelasten erhoben und betrafen auch Gewerkschaften und ihre Mitglieder.

Der politische Charakter des DHV unterschied ihn fundamental von anderen Gewerkschaften. Während die sozialdemokratischen und christlichen Gewerkschaften auf Klassenkampf oder christliche Soziallehre setzten, propagierte der DHV die “Volksgemeinschaft” und grenzte sich scharf gegen “Marxismus” und “Judentum” ab. Die Satzung schloss jüdische Mitglieder explizit aus. Diese Ideologie machte den DHV nach 1918 zu einem wichtigen Wegbereiter nationalsozialistischen Gedankenguts im Angestelltenmilieu.

Führende DHV-Funktionäre wie Wilhelm Schack und Hans Bechly verbreiteten antisemitische Propaganda und forderten den Ausschluss von Juden aus dem Handel. Der Verband gab eigene Zeitschriften heraus, darunter die “Deutsche Handels-Warte”, die regelmäßig antisemitische Artikel publizierte. Diese ideologische Ausrichtung führte dazu, dass der DHV 1933 problemlos in die Deutsche Arbeitsfront (DAF) überführt werden konnte.

Die praktischen Leistungen der Kranken- und Begräbniskasse waren dennoch für viele Mitglieder der Hauptgrund ihres Beitritts. Die Kasse zahlte Krankengeld, übernahm Arztkosten und sicherte im Todesfall die Bestattungskosten. Für Angestellte, die oft nur über geringe finanzielle Reserven verfügten, waren diese Leistungen existenziell wichtig. Das Mitgliedsbuch diente als Legitimation gegenüber Ärzten und Apotheken und musste stets bei Inanspruchnahme von Leistungen vorgelegt werden.

Aus heutiger Sicht sind solche Dokumente wichtige Quellen für die Sozial- und Mentalitätsgeschichte. Sie zeigen, wie soziale Absicherung und politische Ideologie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts miteinander verwoben waren. Das Mitgliedsbuch dokumentiert das Leben eines einfachen Angestellten über mindestens anderthalb Jahrzehnte und gewährt Einblicke in die Alltagsgeschichte einer sozialen Gruppe, die zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum stand und deren politische Orientierung für den Aufstieg des Nationalsozialismus von erheblicher Bedeutung war.