Die Fahnenspitze des NS-Reichskriegerbundes mit der Aufschrift “1940 - Symbol wird Waffe” repräsentiert ein faszinierendes Kapitel der deutschen Kriegswirtschaft während des Zweiten Weltkriegs und dokumentiert die systematische Mobilisierung aller verfügbaren Ressourcen für die Rüstungsproduktion.
Der NS-Reichskriegerbund (NSRKB) entstand 1938 durch die Gleichschaltung der traditionellen deutschen Kriegervereine, die seit dem 19. Jahrhundert eine wichtige Rolle im deutschen Vereinswesen gespielt hatten. Diese Veteranenorganisationen pflegten die Erinnerung an gefallene Kameraden und bewahrten militärische Traditionen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden diese autonomen Vereine in die NS-Organisationsstruktur eingegliedert und dem Reichskriegerführer unterstellt.
Im Jahr 1940, nach den ersten Kriegserfolgen, aber auch angesichts des erkennbaren Bedarfs an kriegswichtigen Rohstoffen, initiierte das NS-Regime groß angelegte Metallsammelaktionen. Diese Kampagnen zielten darauf ab, alle entbehrlichen Metallbestände für die Rüstungsindustrie zu beschlagnahmen. Kirchenglocken, Denkmäler, Küchengeräte und eben auch die traditionellen metallenen Fahnenspitzen der Kriegervereine wurden erfasst.
Die metallenen Fahnenspitzen, oft kunstvoll gearbeitet und mit symbolträchtigen Motiven wie dem Eisernen Kreuz, Eichenlaubkränzen oder Reichsadlern versehen, waren seit Jahrzehnten fester Bestandteil der Vereinsfahnen. Ihre Abgabe als “Metallspende” wurde propagandistisch als patriotische Pflicht inszeniert. Der Slogan “Symbol wird Waffe” sollte diese Transformation symbolisch überhöhen: Das passive Erinnerungssymbol würde durch Einschmelzung zur aktiven Waffe im Kampf für Deutschland.
Als Ersatz für die eingeschmolzenen Metallspitzen wurden Kunststofffahnenspitzen entwickelt und ausgegeben. Diese aus Bakelit oder ähnlichen Kunststoffen gefertigten Spitzen trugen die Inschrift “1940 - Symbol wird Waffe” als permanente Erinnerung an die erfolgte Metallspende. Die Kunststoffausführung war kostengünstig in der Herstellung und benötigte keine kriegswichtigen Materialien.
Die vorliegende Fahnenspitze mit einer Gesamthöhe von ca. 24,5 cm zeigt die typische Konstruktion dieser Ersatzspitzen: eine komplette Tülle zur Befestigung auf der Fahnenstange mit vier Bohrungen zur sicheren Montage. Die kleine Absplitterung am Sockel ist charakteristisch für das Material und zeugt von der tatsächlichen Verwendung des Objekts.
Diese Kunststoffspitzen dokumentieren mehrere historische Aspekte: Erstens die totale Mobilisierung der deutschen Kriegswirtschaft, die selbst symbolisch bedeutsame Objekte der Rohstoffgewinnung opferte. Zweitens zeigen sie die propagandistische Instrumentalisierung traditioneller Veteranenvereine durch das NS-Regime. Drittens belegen sie den Entwicklungsstand der deutschen Kunststoffindustrie, die bereits in den 1930er Jahren bedeutende Fortschritte gemacht hatte.
Der NS-Reichskriegerbund selbst spielte während des Krieges eine wichtige Rolle in der Heimatfront-Propaganda, bei der Betreuung von Kriegsversehrten und in der Aufrechterhaltung der Kriegsmoral. Die symbolische Geste der Metallspende sollte die Verbundenheit der Veteranengeneration mit der kämpfenden Truppe demonstrieren.
Nach 1945 wurden diese Objekte wie alle NS-Organisationsgegenstände von den Alliierten verboten. Viele wurden vernichtet, weshalb erhaltene Exemplare heute wichtige Sachzeugen für die Erforschung der NS-Alltagskultur und Kriegswirtschaft darstellen. Sie dokumentieren die Durchdringung aller gesellschaftlichen Bereiche durch die nationalsozialistische Ideologie und die systematische Ausrichtung der gesamten Gesellschaft auf den Krieg.