Württemberg kurzer Beamtendegen, bzw. Seitengewehr .

Gerade Klinge mit breiten Hohlkehlen, bis auf das handgravierte Herstellerzeichen "G.H.Kohl Waffenfabricant in Stuttgart" sauber und schmucklos, Messinggefäß mit Resten von Vergoldung, auf dem Stichblatt aufgelegt eine Königskrone, sonst nur sparsam verziert, die Drahtwicklung etwas lose, schwarze Lederscheide mit Messingbeschlägen, diese ganz leicht geschrumpft, anhängend ein württembergisches Beamtenportepee. Gesamtlänge 83cm. Zustand 2
370292
950,00

Württemberg kurzer Beamtendegen, bzw. Seitengewehr .

Der württembergische Beamtendegen stellt ein bedeutendes Zeugnis der hierarchischen Verwaltungsstruktur des Königreichs Württemberg im 19. Jahrhundert dar. Dieses kurze Seitengewehr verkörpert nicht nur ein funktionales Element der Amtstracht, sondern auch ein Symbol staatlicher Autorität und bürgerlicher Würde in einer Zeit des gesellschaftlichen Wandels.

Das Königreich Württemberg, das von 1806 bis 1918 bestand, entwickelte ein umfassendes System staatlicher Verwaltung, in dem Beamte eine zentrale Rolle spielten. Nach dem Übergang vom Kurfürstentum zum Königreich unter König Friedrich I. wurden zahlreiche Reformen durchgeführt, die auch die äußere Erscheinung und Ausstattung der Staatsdiener regelten. Die Verleihung des Rechts zum Tragen eines Degens war dabei nicht nur praktischer Natur, sondern stellte eine Auszeichnung dar, die den Status des Trägers in der gesellschaftlichen Hierarchie unterstrich.

Die Herstellung dieses Objekts durch G.H. Kohl, einen Waffenfabrikanten in Stuttgart, verweist auf die lokale Fertigungstradition. Stuttgart war im 19. Jahrhundert ein bedeutendes Zentrum der Waffenproduktion, und mehrere Manufakturen belieferten die königliche Verwaltung mit regulären Seitenwaffen. Die handgravierte Herstellersignatur zeugt von der persönlichen Verantwortung des Produzenten für die Qualität seiner Arbeit, eine Praxis, die in der württembergischen Waffenfertigung üblich war.

Die technischen Merkmale des Degens sind charakteristisch für württembergische Beamtenwaffen der Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts. Die gerade Klinge mit breiten Hohlkehlen diente der Gewichtsreduzierung bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der strukturellen Festigkeit. Im Gegensatz zu militärischen Säbelklingen, die oft reich verziert waren, zeigt diese Klinge eine bewusste Schmucklosigkeit, die dem zivilen Charakter des Trägers entsprach. Diese Schlichtheit unterschied Beamtendegen von den prunkvolleren Offiziersdegen und markierte die Grenze zwischen militärischem und zivilem Dienst am Staat.

Das Messinggefäß mit Resten von Vergoldung offenbart die ursprüngliche Wertigkeit des Stücks. Die Vergoldung war nicht nur dekorativ, sondern schützte auch das Metall vor Korrosion und verlieh dem Degen den für offizielle Anlässe erforderlichen Glanz. Auf dem Stichblatt ist die württembergische Königskrone aufgelegt – ein unmissverständliches Symbol der königlichen Autorität und der Verbindung des Trägers zur Krone. Diese Krone, die sich von anderen deutschen Königskronen unterschied, war ein spezifisch württembergisches Hoheitszeichen.

Die Drahtwicklung des Griffs, obwohl im vorliegenden Fall etwas gelockert, war eine praktische und zugleich ästhetische Lösung. Sie bot sicheren Halt und verhinderte das Abrutschen der Hand, während sie gleichzeitig ein traditionelles Gestaltungselement darstellte, das auf jahrhundertealte Schwertmacherkunst zurückging.

Die schwarze Lederscheide mit Messingbeschlägen entspricht den Standards württembergischer Dienstvorschriften. Schwarz war die bevorzugte Farbe für zivile Beamte, im Gegensatz zu den oft braunen oder schwarzen Scheiden mit aufwendigeren Beschlägen bei militärischen Rangträgern. Die Messingbeschläge dienten dem Schutz der Scheide und ermöglichten die Befestigung am Portepee.

Das beigefügte württembergische Beamtenportepee ist von besonderer Bedeutung. Portepees waren nicht nur funktionale Trageschlaufen, sondern kodierte Rangabzeichen. Farbe, Material und Ausführung des Portepees verrieten dem Kenner sofort den Rang und die Dienststellung des Trägers. Württembergische Beamtenportepees unterschieden sich deutlich von militärischen Varianten und waren in ihrer Ausführung reglementiert.

Der historische Kontext dieser Waffe umfasst die Epoche des deutschen Konstitutionalismus, in der Beamte zunehmend nicht mehr als persönliche Diener des Monarchen, sondern als Repräsentanten eines institutionalisierten Staatswesens verstanden wurden. Das Tragen des Degens war bei offiziellen Anlässen, Zeremonien und im Dienst vorgeschrieben und unterstrich die Würde des Amtes.

Mit der Novemberrevolution 1918 und dem Ende der Monarchie verlor der Beamtendegen seine offizielle Funktion. Die Weimarer Republik schaffte die monarchischen Symbole ab, und das Tragen von Seitenwaffen durch Zivilbeamte wurde obsolet. Viele dieser Degen wurden eingelagert, verkauft oder gingen in Privatbesitz über.

Heute sind württembergische Beamtendegen gesuchte Sammlerstücke, die nicht nur militärhistorisches, sondern auch verwaltungsgeschichtliches Interesse wecken. Sie dokumentieren eine Epoche, in der staatliche Autorität noch durch äußere Zeichen sichtbar gemacht wurde und in der die Grenze zwischen ziviler und militärischer Sphäre durch subtile Unterschiede in der Ausstattung markiert war.