Preußische Marine Entermesser Modell 1852 

Kammerstück von 1861. Ca. 58.5 cm lange und an der Wurzel 4.5 cm breite boloförmige Klinge, auf dem Rücken der Kammerstempel «♔FW61» und Abnahme, terzseitig auf der Klinge der Hersteller «P.D. Lüneschloss Solingen», die Klinge fleckig, das Stoßleder mal erneuert. Eisengefäß mit der originalen schwarzen Lackierung, auf der Unterseite gestempelt «KM 1271», belederter Griff mit Resten der Drahtwicklung. Lederscheide mit Eisenbeschlägen und der originalen schwarzen Lackierung, die Scheide gestempelt «1361». Zustand 2.

Mit der passenden Scheide nur sehr selten zu finden.

Gesamtlänge 76 cm.
455693
2.500,00

Preußische Marine Entermesser Modell 1852 

Das preußische Marine-Entermesser Modell 1852 repräsentiert eine faszinierende Epoche in der Geschichte der deutschen Seemacht. Diese Waffe entstand in einer Zeit des Umbruchs, als Preußen seine maritimen Ambitionen verstärkte und versuchte, eine schlagkräftige Kriegsmarine aufzubauen.

Die Mitte des 19. Jahrhunderts war geprägt von tiefgreifenden Veränderungen in der Marinetechnologie und -taktik. Nach den Napoleonischen Kriegen erkannten die deutschen Staaten zunehmend die Bedeutung einer eigenen Seestreitmacht. Die Preußische Marine, die in verschiedenen Formen seit dem 18. Jahrhundert existiert hatte, wurde besonders nach der Revolution von 1848/49 und der gescheiterten gesamtdeutschen Reichsflotte neu organisiert.

Das Modell 1852 wurde in einer Zeit eingeführt, als das Entern feindlicher Schiffe noch eine wichtige Kampftechnik darstellte, obwohl sich die Seekriegsführung bereits durch die zunehmende Verbreitung von Dampfschiffen und verbesserter Artillerie wandelte. Das Entermesser war eine Hybridwaffe, die sowohl als Hieb- als auch als Stichwaffe konzipiert war und im Nahkampf auf engen Schiffsdecks ihre volle Wirkung entfalten sollte.

Die charakteristische boloförmige Klinge mit einer Länge von etwa 58,5 cm und einer Breite von 4,5 cm an der Wurzel war speziell für den maritimen Einsatz entwickelt worden. Diese Form ermöglichte kraftvolle Hiebe, die auch gegen die dicke Kleidung und Ausrüstung der Gegner wirksam waren. Die breite, schwere Klinge konnte zudem im Schiffskampf zum Durchtrennen von Takelage eingesetzt werden.

Der Kammerstempel “FW61” auf dem Klingenrücken weist auf das Jahr 1861 als Abnahmejahr hin, also neun Jahre nach der Einführung des Modells. Diese Stempelung war Teil des preußischen Waffenverwaltungssystems, das eine genaue Erfassung und Kontrolle aller militärischen Ausrüstungsgegenstände ermöglichte. Der Buchstabe “F” stand dabei für eine spezifische Marineverwaltungskammer, während “W” auf die Waffengattung hindeutete.

Die Herstellermarkierung “P.D. Lüneschloss Solingen” verweist auf die berühmte Klingenstadt Solingen, die seit Jahrhunderten für ihre Qualitätsstahlwaren bekannt war. Die Solinger Klingenschmiede belieferten nicht nur die preußische Armee und Marine, sondern exportierten ihre Produkte in die ganze Welt. Peter Daniel Lüneschloss war einer der anerkannten Hersteller dieser Ära, dessen Werkstatt für präzise Fertigung und hochwertige Materialien geschätzt wurde.

Das Eisengefäß mit seiner originalen schwarzen Lackierung war charakteristisch für preußische Marinewaffen dieser Periode. Die schwarze Farbe diente nicht nur dem Korrosionsschutz in der salzigen Meeresluft, sondern verlieh der Waffe auch ein einheitliches, militärisches Erscheinungsbild. Die Stempelung “KM 1271” auf der Unterseite des Gefäßes ist eine Inventarnummer der Königlichen Marine, die eine eindeutige Identifizierung und Zuordnung der Waffe ermöglichte.

Der belederte Griff mit Drahtwicklung war für den praktischen Einsatz konzipiert. Die Lederumwicklung bot auch bei Nässe und Blut einen sicheren Halt, während die Drahtwicklung zusätzliche Griffsicherheit gewährleistete. Diese Konstruktion war typisch für Marinewaffen, die unter extremen Bedingungen zuverlässig funktionieren mussten.

Die Lederscheide mit Eisenbeschlägen und schwarzer Lackierung komplettierte die Ausrüstung. Die Stempelung “1361” auf der Scheide war eine separate Inventarnummer, die manchmal von der Waffennummer abwich, was auf eine getrennte Verwaltung oder spätere Zuordnung hindeuten könnte. Komplett erhaltene Entermesser mit der passenden Originalscheide sind heute tatsächlich selten, da Scheiden durch den harten Marineeinsatz häufig verloren gingen oder ersetzt werden mussten.

Die preußische Marine der 1860er Jahre befand sich in einer Übergangsphase. Die Konflikte mit Dänemark, insbesondere der Deutsch-Dänische Krieg von 1864, zeigten sowohl die Möglichkeiten als auch die Grenzen der preußischen Seestreitmacht. Obwohl Entermesser noch zur Standardausrüstung gehörten, verlagerte sich der Seekrieg zunehmend auf Artillerieduelle zwischen Panzerschiffen.

Nach der Reichsgründung 1871 wurde die preußische Marine in die Kaiserliche Marine überführt. Viele Ausrüstungsgegenstände aus der preußischen Ära blieben noch Jahre im Dienst, wurden aber allmählich durch modernere Ausrüstung ersetzt. Das Entermesser als Waffe verlor zunehmend an Bedeutung, blieb aber noch lange Zeit Teil der zeremoniellen Ausrüstung.

Heute sind originale preußische Marine-Entermesser des Modells 1852 begehrte Sammlerstücke, die einen wichtigen Einblick in die maritime Militärgeschichte des 19. Jahrhunderts bieten. Sie dokumentieren nicht nur die Bewaffnung, sondern auch die handwerkliche Qualität und die Verwaltungssysteme einer vergangenen Epoche.