Königreich Sachsen Gruppenfoto "Zur Erinnerung an meine Dienstzeit" 4. Batterie Königlich Sächsisches 6. Feldartillerie-Regiment Nr. 68
Das vorliegende Gruppenfoto der 4. Batterie des Königlich Sächsischen 6. Feldartillerie-Regiments Nr. 68 repräsentiert eine typische Form militärischer Erinnerungskultur im Kaiserreich vor dem Ersten Weltkrieg. Solche Fotografien mit der Aufschrift “Zur Erinnerung an meine Dienstzeit” waren in der deutschen Armee um 1910 weit verbreitet und dokumentieren nicht nur die militärische Organisation, sondern auch die gesellschaftliche Bedeutung des Wehrdienstes in dieser Epoche.
Das 6. Feldartillerie-Regiment Nr. 68 war Teil der sächsischen Armee, die als eigenständiges Kontingent innerhalb des deutschen Heeres eine bedeutende Rolle spielte. Nach der Reichsgründung 1871 behielten die deutschen Bundesstaaten wie Sachsen weitgehende Autonomie in militärischen Angelegenheiten, einschließlich eigener Uniformen, Traditionen und Regimentsstrukturen. Das Regiment hatte seinen Standort in Riesa, einer Stadt an der Elbe in Sachsen, die sich im späten 19. Jahrhundert zu einem wichtigen Industriestandort entwickelt hatte.
Die Feldartillerie bildete das Rückgrat der deutschen Artilleriewaffe und war in dieser Zeit in einem grundlegenden Wandel begriffen. Um 1910 waren die meisten deutschen Feldartillerie-Regimenter mit modernen Schnellfeuergeschützen ausgerüstet, hauptsächlich dem Feldkanone 96 n.A. (neue Art), einem 77mm-Geschütz mit Rohrrücklaufbremse. Diese technologische Innovation revolutionierte die Artillerietaktik, da die Geschütze nun ohne Neuausrichtung nach jedem Schuss schnell feuern konnten.
Ein Feldartillerie-Regiment bestand typischerweise aus zwei Abteilungen zu je drei Batterien, also insgesamt sechs Batterien. Die hier dokumentierte 4. Batterie gehörte zur zweiten Abteilung. Eine Batterie umfasste in der Regel sechs Geschütze und etwa 150 bis 200 Mann, darunter Offiziere, Unteroffiziere, Kanoniere, Fahrer und Bedienpersonal. Die Ausbildung war intensiv und dauerte zwei bis drei Jahre Dienstzeit, wobei besonderer Wert auf Präzision, Schnelligkeit und Disziplin gelegt wurde.
Die Praxis, Erinnerungsfotos anzufertigen, war tief in der militärischen Kultur des Kaiserreichs verwurzelt. Die allgemeine Wehrpflicht, eingeführt in Preußen 1814 und später im gesamten Deutschen Reich, machte den Militärdienst zu einer prägenden Erfahrung für nahezu jeden jungen Mann. Die Dienstzeit wurde als Übergang zum Erwachsensein verstanden und genieß hohes gesellschaftliches Ansehen. Soldaten ließen sich fotografieren, um diese wichtige Lebensphase zu dokumentieren und ihre Kameradschaft zu verewigen.
Die fotografische Technik erlaubte um 1910 bereits großformatige Gruppenaufnahmen von hoher Qualität. Professionelle Fotografen bereisten regelmäßig die Garnisonen oder betrieben Studios in Garnisonsstädten. Die Soldaten erschienen in ihren besten Uniformen, oft mit Orden, Abzeichen und Ausrüstung, die ihre Funktion und ihren Rang kennzeichneten. Die sächsische Uniform unterschied sich in Details von der preußischen, etwa durch spezifische Farben der Aufschläge und Kragenspiegel.
Der Standort Riesa war für ein Artillerie-Regiment gut geeignet. Die Stadt verfügte über Eisenbahnanschluss und Kasernenanlagen, und das umliegende Gelände bot Raum für Übungen und Schießausbildung. Die Mobilisierungspläne des deutschen Heeres erforderten eine gute Verkehrsanbindung, da im Kriegsfall die schnelle Verlegung der Truppen entscheidend war.
Die Zeit um 1910 war geprägt von wachsenden internationalen Spannungen und einem beispiellosen Wettrüsten der europäischen Mächte. Die Marokko-Krisen und die Balkankonflikte verschärften die Gegensätze zwischen den Bündnissystemen. Das deutsche Heer wurde kontinuierlich modernisiert und vergrößert, wobei der Artillerie besondere Bedeutung zukam. Die französische Armee hatte mit der berühmten Canon de 75 bereits ein hochmodernes Schnellfeuergeschütz, was den Innovationsdruck auf die deutsche Artillerie erhöhte.
Solche Fotografien sind heute wertvolle historische Quellen. Sie dokumentieren nicht nur Uniformen, Ausrüstung und militärische Organisation, sondern geben auch Einblick in die Mentalität und Selbstwahrnehmung der Soldaten dieser Epoche. Die sorgfältige Inszenierung, die formale Anordnung und die stolze Haltung der abgebildeten Soldaten spiegeln die militärische Kultur und gesellschaftliche Wertschätzung des Wehrdienstes wider. Für Militärhistoriker und Sammler bieten sie authentische visuelle Informationen über eine Epoche, die nur vier Jahre später im Ersten Weltkrieg dramatisch enden sollte.
Das 6. Feldartillerie-Regiment Nr. 68 würde ab 1914 an verschiedenen Fronten des Ersten Weltkriegs eingesetzt werden und die friedliche Erinnerungsfotografie aus Riesa würde zu einem Dokument einer unwiederbringlich vergangenen Welt werden.