III. Reich - München - Die Hauptstadt der Bewegung - Raumbildalbum

Diessen, Raumbild Verlag Schönstein, 1937, gebundene Ausgabe, Ganzleineneinband, 100 Raumbilder, ohne Brille, stark gebrauchter Zustand 
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600,00

III. Reich - München - Die Hauptstadt der Bewegung - Raumbildalbum

Das Raumbildalbum "München - Die Hauptstadt der Bewegung" aus dem Jahr 1937 stellt ein faszinierendes Beispiel nationalsozialistischer Propagandamaterialien dar, die durch moderne fotografische Technologie eine besonders eindrucksvolle Wirkung erzielen sollten. Herausgegeben vom Raumbild-Verlag Schönstein in Diessen am Ammersee, gehört dieses Werk zu einer Reihe von stereoskopischen Bildbänden, die in der NS-Zeit zur visuellen Vermittlung ideologischer Inhalte eingesetzt wurden.

Technischer Hintergrund der Raumbildfotografie: Die Raumbildtechnik, auch als Stereoskopie bekannt, basiert auf einem fotografischen Verfahren, bei dem zwei leicht versetzte Aufnahmen desselben Motivs erstellt werden. Bei Betrachtung durch eine spezielle Brille oder ein Stereoskop verschmelzen diese beiden Bilder zu einem dreidimensionalen Eindruck. Diese Technik war bereits im 19. Jahrhundert populär und erlebte in den 1920er und 1930er Jahren eine Renaissance. Der Raumbild-Verlag Schönstein spezialisierte sich auf die Produktion solcher stereoskopischen Bildbände und nutzte die Faszination der dreidimensionalen Darstellung für verschiedene Themen.

München als "Hauptstadt der Bewegung": Die Bezeichnung "Hauptstadt der Bewegung" war ein offizieller Ehrentitel, den München im nationalsozialistischen Deutschland trug. Die Stadt spielte eine zentrale Rolle in der Frühgeschichte der NSDAP. Hier wurde 1919/1920 die Partei gegründet, hier fand 1923 der gescheiterte Putschversuch statt, und hier befand sich das Braune Haus, die Parteizentrale der NSDAP. München wurde systematisch zu einem Wallfahrtsort der nationalsozialistischen Bewegung ausgebaut, mit monumentalen Bauten, Gedenkstätten und jährlichen Aufmärschen, insbesondere zum 9. November, dem Jahrestag des Putschversuchs.

Der Verlag und seine Produktion: Der Raumbild-Verlag Otto Schönstein in Diessen war einer der führenden Produzenten stereoskopischer Bildbände im deutschen Sprachraum. Das Jahr 1937, in dem dieses Album erschien, war ein Höhepunkt der nationalsozialistischen Selbstdarstellung. Die Olympischen Spiele 1936 hatten das Regime international präsentiert, und die Propaganda-Maschinerie unter Joseph Goebbels arbeitete auf Hochtouren. Raumbildalben wie dieses dienten der Verbreitung des NS-Weltbilds in die Privathaushalte und wurden als moderne, attraktive Form der Bildpublizistik geschätzt.

Inhalt und Darstellung: Die 100 Raumbilder in diesem Album dokumentierten vermutlich die wichtigsten nationalsozialistischen Stätten Münchens: Das Braune Haus, den Königsplatz mit den Ehrentempeln für die Gefallenen des Putschversuchs, das Haus der Deutschen Kunst, Parteiveranstaltungen und Aufmärsche sowie architektonische Projekte des Regimes. Die dreidimensionale Darstellung sollte dem Betrachter das Gefühl vermitteln, selbst anwesend zu sein und die Monumentalität der Bauten unmittelbar zu erleben.

Propagandistische Funktion: Solche Bildbände waren wichtige Instrumente der visuellen Propaganda. Sie vermittelten ein idealisiertes Bild der nationalsozialistischen Herrschaft und ihrer Errungenschaften. Die Verwendung moderner Technologie wie der Stereoskopie unterstrich den Anspruch des Regimes, fortschrittlich und modern zu sein. Gleichzeitig wurden durch die Auswahl der Motive bestimmte Narrative etabliert: Die Monumentalität der Architektur sollte Macht und Dauerhaftigkeit suggerieren, die Massendemonstrationen sollten Einheit und Volksgemeinschaft demonstrieren.

Historische Einordnung: Das Jahr 1937 markierte eine Phase der Konsolidierung der NS-Herrschaft. Die wirtschaftliche Lage hatte sich stabilisiert, die Aufrüstung lief auf Hochtouren, und das Regime bereitete sich auf seine expansionistische Politik vor. In diesem Kontext dienten Publikationen wie das vorliegende Raumbildalbum der inneren Festigung und der Mobilisierung der Bevölkerung. Sie waren Teil eines umfassenden Systems der Indoktrination, das alle Lebensbereiche erfasste.

Sammlerwert und Forschungsbedeutung: Heute sind solche Raumbildalben wichtige zeithistorische Dokumente. Sie ermöglichen Einblicke in die Propaganda-Strategien des NS-Regimes und dokumentieren die visuelle Kultur dieser Zeit. Für die Forschung sind sie wertvoll, weil sie zeigen, wie das Regime sich selbst darstellte und welche Bilder es der Bevölkerung vermitteln wollte. Gleichzeitig dokumentieren sie München in der NS-Zeit, wobei viele der abgebildeten Bauten im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden.